In einer mehrstündigen "Spielräume"-Spezialsendung des Radiosenders Ö1 über Jethro Tull war kürzlich auch der Titelsong des neuen Albums, "The Zealot Gene" (das Eiferer-Gen, dt.), zu hören. Die Experten im Studio waren entsetzt: Die Stimme von Ian Anderson brüchig, das Schlagzeug schrecklich, der Song überladen, lautete das vernichtende Urteil.

Mir ging es anders: Ich war hell erfreut, die nahezu unveränderte Stimme des fast 75-jährigen Briten und sein gepfeffertes Flötenspiel wiederzuhören - und ich fand den Song schmissig und eingängig. Und an diesem Eindruck hat sich auch nichts verändert, seit nun das gesamte Album, das erste unter dem legendären Bandnamen seit 2003 (Anderson hatte in der Zwischenzeit einige Solo-Alben eingespielt), vorliegt. Es ist sogar einer der besten Songs von insgesamt zwölf, die nahezu das gesamte Spektrum der seit 55 Jahren bestehenden Gruppe (die Anderson, das einzige durchgängige Mitglied, in der Zwischenzeit mehrmals aufgelöst hatte) hören lassen. Von vertändelten, madrigalartigen Suiten über vergleichsweise simple Folkweisen bis zu bombastischem Artrock reicht die völlig unveränderte Klangpalette - als wäre der Sound über Jahrzehnte hinweg in Bernstein eingeschlossen gewesen.

- © Sam Harris
© Sam Harris

Und auch thematisch bleibt sich der prononcierte Traditionalist treu, ist doch "The Zeolot Gene" wiederum eine Art Konzeptalbum (wie etwa "Thick As A Brick" oder "A Passion Play"), in dem Anderson starke Emotionen wie Wut, Habgier, Liebe oder Mitgefühl mit entsprechenden Text-Passagen aus der Bibel verbindet und zu eigenständigen, symbolträchtigen Geschichten verdichtet.

Gleich der Eingangssong, "Mrs. Tibbets", über die Frau des Piloten, der die erste Atombombe über Hiroshima abwarf, wird mit einer Stelle aus "Genesis 19:24-28" kommentiert: "Da ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen, vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra."

Und auch seinen grimmigen Humor hat sich Ian Anderson bewahrt: "Hier ist nun endlich die Sammlung von Songs, auf die ihr nicht wirklich gewartet habt", verkündet er im Beiheft. An dieser Einschätzung ist was dran.