Radiohead. Talk Talk. Calexico. Oder, wenn wir noch weiter zurückschauen, die Talking Heads: Bands, die uns mitgerissen, sich zwischenzeitlich am Gewöhnungseffekt abgenutzt, vielleicht gar einmal dezent ermüdet, aber Maßstäbe gesetzt haben. Bands, die klargemacht haben, dass auch im Pop Kunst gemacht werden darf.

Auch Alt-J sind bereits in dieser Spielklasse angekommen: Viel sind sie gelobt und mit Auszeichnungen (u.a. dem Mercury Prize) dekoriert worden - für ihre artistische Kühnheit, ihre behänden Slalomfahrten zwischen Folk, Rock, Electronica und "experimentellem" Gestus -, und alles Mögliche ist an ihnen herumgemeckert worden, etwa dass keine ihrer bisher drei LPs ohne Längen, babylonische Stilverwirrungen und kleinere oder größere Missgriffe über die Runden kommt, was alles rein faktisch stimmt, aber nicht wirklich Entscheidendes ausmacht.

Theater & Ketchupsenf

Die schon einigermaßen abgenutzte Kritik, dass sie live eher langweilig seien, bedarf indes mittlerweile einer Relativierung, denn den Bombast von 20 Konzertgitarren und einer fast dreistelligen Anzahl von Chorstimmen im Song "Pleader" mit drei Mann hoch ordentlich über die Bühne zu bringen, ist, wie man bei uns sagt, kein Dreck nicht. Und ganz nebenbei: Für einen größenwahnsinnigen Song wie diesen (oder das morbide "Last Year", das selbst einen Ian Curtis neidig gemacht hätte) nimmt man gerne einmal Zerrissenheit und strukturelle Unordnung, wie sie auf dem bisher letzten Album "Relaxer" von 2017 gewütet haben, in Kauf. Fünf Jahre Zeit zum Verarbeiten und Evaluieren machen sicher.

2022 sind Alt-J wieder da und schreiten gelassen über die roten Teppiche, die ihnen nun allerorts ausgerollt werden. Wie viele andere Musiker sind die drei Akteure optisch ziemlich verändert durch die Pandemie gegangen: Joe Newman, der gerne sein Falsett strapazierende Sänger, ziemlich unterschätzte Gitarrist und genialisch-erratische Hauptsongschreiber, sieht heute mit üppiger Lockenpracht und Körperfülle aus wie eine bärtige Putte; der stoische, aber auch ziemlich humorbegabte Keyboarder Gus Unger-Hamilton hat sich von seinem strengen Schnauzer getrennt, und Drummer Thom Sonny Green wirkt, wiewohl fragil wie eh und je, deutlich selbstbewusster. Er war es auch, der die Idee des Miley-Cyrus-Samples in den Klassiker "Hunger Of The Pine" einbrachte. Die Pause nach "Relaxer" überbrückte Green übrigens, indem er Schauspiel lernte und als Boris Trigorin in Tschechows "Die Möwe" auf der Bühne des Cockpit Theatre im Londoner Westend stand, während Unger-Hamilton ein "Gustard" genanntes Hybrid aus Ketchup und Senf entwickelte.

Die Aufnahmen zu "The Dream" starteten Anfang 2020, fanden aber aus bekannten Gründen eine jähe Unterbrechung. Auf einer der drei Singles, die dem Album seit vergangenen Herbst vorangegangen sind, sind die dramatischen Konsequenzen der (in England besonders heftig wütenden) Pandemie auf erschütternde Weise reflektiert.

Schein & Abgründe

Die Ballade "Get Better" gedenkt einer verstorbenen Lebenspartnerin und vermischt Nicht-Wahrhaben-Wollen mit Erinnerungen, die eine glückliche Vergangenheit in eine todtraurige Gegenwart verwandeln. Der Song basiert aber ebenso wenig auf persönlichem Erleben wie das bei "Last Year", das vom Sterben eines Mannes handelt, der Fall war, sondern ist ein Konglomerat aus Erfahrungen, Beobachtungen und Empfindungen.

Dramaturgisch fällt das ergreifende "Get Better" allerdings ein wenig aus dem Rahmen der LP, deren einzelne Teile miteinander zu korrespondieren scheinen. Es geht hier viel um schönen Schein und die Abgründe, die sich mit dessen Verblassen abzeichnen und, wie in "Losing My Mind", blanke Mordlust entfachen können. Wer das mit Amerika assoziiert, ist herzlich eingeladen, der Spur zu folgen.

Songtitel wie "Chicago" oder "Philadelphia" geben ebenso deutliche Winks wie uramerikanische Symbole wie Coca Cola oder das Chateau Marmont Hotel in Los Angeles. Und man liegt wohl nicht falsch, im "Delta" jenes mythische Mississippi-Mündungungsgebiet zu orten, das schon Robert Plant in "Turn It Up" Geister sehen ließ. Der gelassene bluesige Ton, der ziemlich elegant durch "The Dream" zieht, passt nur zu gut zu den detailstarken und facettenreichen Szenarien.