Dies ist eine Band, bei der sich am Ende doch noch alles fügt, obwohl es sich eigentlich gar nicht fügen sollte. Black Country, New Road, hervorgegangen aus der vitalen (Live-)Szene um den Windmill Club im Londoner Stadtteil Brixton, verweben nicht nur scheinbar konträre Elemente aus Jazz, Minimal Music, Indie- und Post-Rock oder Klezmer zu einer für die Neigungsgruppe Pop ungewohnt dynamischen Mischung, die mit Hang zum schnellen Umbruch mindestens tausend Haken schlägt. Sie veröffentlichen diese als althergebrachtes Kollektiv hausgemachte Musik, die auf Blut, Schweiß und Tränen ebenso basiert wie auf solider Handarbeit mit echten Instrumenten, ausgerechnet auch auf dem eigentlich auf Elektronik gebuchten Londoner Label Ninja Tune. Dass es sich bei ihrer Bassistin Tyler Hyde um die Tochter des Underworld-Sängers Karl Hyde handelt, hat damit übrigens genau gar nichts zu tun.

Borderline mit Schnorchel

Ob der jüngste eher unwahrscheinliche Haken der vormals siebenköpfigen Gruppe, die auf ihren Pressefotos immer an den Cast einer heute vergessenen US-Sitcom aus den 1990er Jahren erinnert, auch noch zum Vorteil gereicht, muss aktuell aber bezweifelt werden. Schließlich haben Black Country, New Road inmitten des Marketinggewitters um ihr mit Spannung erwartetes und nun also erscheinendes zweites Album "Ants From Up There" gerade ihren Sänger verloren.

Einem Instagram-Posting von Isaac Wood selbst zufolge dürften psychische Probleme dafür verantwortlich sein. Er fühlte sich zuletzt "zu traurig und verängstigt", um auch noch "gleichzeitig Gitarre spielen und singen" zu können. Zwar hat die junge Band auch damit bereits Erfahrung. Die Trennung von ihrem ersten Frontmann aufgrund einer #MeToo-Geschichte fiel aber noch in die Anfangstage unter dem für das spätere Schaffen durchaus wegweisenden Namen Nervous Conditions.

Während ein damals eingespieltes Album nie veröffentlicht wurde, handelte es sich bei Wood hingegen um die unverkennbare Stimme und das sichtbare Zentrum der Nachfolgeband. Der tonangebende Vortrag seiner nicht selten von Selbstzweifeln charakterisierten Texte im nach Borderline klingenden Wechsel aus introspektiver Erzählung und reinigendem Gebrüll war zumindest eine Konstante, während die Musik von Black Country, New Road munter vor sich hin mutierte.

Zum Thema Sichtbarkeit wiederum sei an einen Auftritt beim Mercury Prize 2021 erinnert, den der Mann nicht minder eigenwillig in einer kurzen Fischerhose und mit Schnorchelausrüstung bestritt. Obwohl die Band bei der Preisverleihung letztlich leer ausging, war das fast auf den Tag heute vor einem Jahr veröffentlichte Album "For The First Time" zweifelsohne ein Debüt des Jahres. Sollte es nun also nicht wie angekündigt dabei bleiben, dass die Restband einer Absage der aktuellen Tourpläne zum Trotz auch in Zukunft gemeinsam Musik machen will, wäre "Ants From Up There" ein noch stärkeres Vermächtnis.

"England is mine"

Darauf hat die Band die coole Ironie des Debüts abgelegt. Stattdessen regiert nun die volle emotionale Wucht zwischen den bekannten Extrempolen. "I’ll praise the Lord, burn my house / I get lost, I freak out": Während Isaac Wood gerade wieder still in sich hineinleidet oder während eines Auszuckers beschließt, das Haus anzuzünden, öffnet die Band das Fenster und flutet den Raum mit Licht. Am Ende dieser bis zu zwölfeinhalbminütigen Achterbahnfahrten des Gemüts steht also ein tröstlicher Grundton. Für den sorgen neben smoothen Bläsersätzen und Streichern auch die umarmenden Gemeinschaftsgesänge aus dem Hintergrund. Es setzt Stummfilmklavier, ein Mandolinengeschwader und etwa bei "Snow Globes" frei tönendes Schlagzeuggeklöppel, das den Song nicht zerstört, sondern seine kathartische Wirkung hervorstreicht.

Obwohl sich die Band gerade in der ersten Hälfte auch um die knappere Form bemüht und etwa der "Bread Song" nicht nur verhältnismäßig stromlinienförmig ausfällt, überzeugt nach Stücken wie dem an den Zahnfleischbluter Murphy aus den "Simpsons" bei einem Auftritt unter der Brücke erinnernden und dabei knietief im Jazz verwurzelten Instrumentalstück "Mark’s Theme" oder dem Ursprünge in der freien Improvisation bezeugenden "Haldern" aber nicht zuletzt das Grande Finale.

Der mit dreißig Minuten hübsch ausufernde Dreierziegel aus "The Place Where He Inserted The Blade", "Snow Globes" und "Basketball Shoes" setzt auf die totale Überwältigung und lässt nach geschlagener Schlacht vor allem die ersten Zeilen nachklingen, mit denen Isaac Wood den Reigen eröffnet hat: "And though England is mine / I must leave it all behind." Dieses Album aber kann ihm keiner mehr nehmen.