Ein Franzose oder Italiener in dem Sinn ist der Österreicher bekanntlich eher nicht. Das zeigt sich nicht nur ganz allgemein im Lebensstil oder wenn es darum geht, wer in den jeweiligen Landesdisziplinen wie der Herstellung von Schwarzbrot (eins zu null für die Hiesigen) oder dem Gewinn internationaler Fußballturniere (Ausgleich durch die Dasigen) die Nase vorne hat - vom laut Klischee regen Liebesleben einmal ohnehin abgesehen (Österreich geht schachmatt).

Gerade auch in der Protestkultur bestehen erhebliche Unterschiede. Warum etwa dem absolutistischen Herrscher die Rübe abhacken oder in der Ferienzeit die Verkehrsinfrastruktur zum Erliegen bringen, wenn man stattdessen auch ins Wirtshaus gehen und sich am Stammtisch über alles beschweren kann? Schließlich ist es noch immer bequemer, seinem Stammwirten die offene Tür einzurennen und im Anschluss motschkernd zu resignieren, als mit dem Schwert in den Sturm auf die Bastille zu ziehen. - "Résistance!" - "Du hoitst die Pappn!"

Gallisches Dorf

Während man als gelernter Österreicher also jahrzehntelang oder zumindest für die Dauer spezifischer, gefühlt über Jahrzehnte bestehender Regierungsperioden darüber nachdenken konnte und bedauerlicherweise auch musste, was es in unserem schönen Schnitzelland denn noch alles braucht, bis sich eine kritische Masse auf der Straße formiert, besteht heute wenigstens Gewissheit.

Zumindest ein Virus und die Notwendigkeit einer Impfung zum Wohle von Gesundheit und Gesellschaft haben es doch noch geschafft, Herrn und Frau Österreicher zu mobilisieren und den kleinsten gemeinsamen Nenner in angeblich unterschiedlichen Lagern zu finden. Leider handelt es sich bei den Lagern um Rechtsradikale, verirrte Esoteriker und "besorgte Bürger", die sich auf das Wort Spaltung einigen können. Der Protestsong zur Zeit ist ein vor und hinter Mitgliedern der Identitären Bewegung aufgeführter Schamanentanz am Parlament vorbei.

Apropos Protestsong. Zumindest der Protestsongcontest im Wiener Rabenhof Theater als gallisches Dorf Österreichs sorgt mit seinen Gewitterwolken herbeisingenden wechselnden Troubadixen seit mittlerweile 19 Jahren dafür, dass zumindest ein musikalisches Contra zu den Verhältnissen regelmäßig den Ton angibt. Die traditionell zum Gedenken an die Februarkämpfe 1934 immer am 12. Februar ausgetragene Veranstaltungsreihe ist damit in guten Jahrgängen auch ein Spiegel der Zeit. Nicht von ungefähr etwa heißt ein zentraler Beitrag des Jahres 2022 "Querdenker Blues". Der hübsche, von David Hebenstreit unter seinem Troubadix-Alias Sir Tralala vorgetragene Song sorgt buchstäblich dafür, dass dem Publikum das Geimpfte aufgehen dürfte.

Nein heißt Nein

Sie kommen, um sich zu beschweren: Glücklicher- und traurigerweise zugleich gibt es heuer aber auch noch andere Themen, über die man sich aufregen kann. Es geht etwa um "autoaggressive" PKW-Lenker, die mit der Farbe Grün nur dann etwas anfangen können, wenn es um einen Blick auf die Verkehrsampel geht, sowie um Netzkonsumismus, Umweltzerstörung, das kleine Ich, Ich, Ich und ein Fremdwort namens Solidarität. Neben der heiteren Verhandlung im Sinne einer ironisch stichelnden Spitze, die beim Protestsongcontest seit jeher Tradition hat und heuer etwa Chatnachrichten aus dem einstigen Machtzirkel der Republik fokussiert - Stichwort: "Kriegst eh alles, was du willst" -, wird es manchmal aber auch todernst. Der Song "Lass los" von Wende Punkt etwa ("Nein heißt Nein! / Stop heißt Stop!") beschäftigt sich recht beklemmend mit dem Themenfeld häusliche Gewalt und Femizide.

Ein Positivtrend des Protestsongcontests 2022 scheint sich übrigens im Bereich Lokalkolorit abzuzeichnen. So artikuliert sich die Résistance heuer weniger über den sogenannten "Beef", der gar kein Fleisch ist, sondern über das urwienerische "Lass mich im Kraut". Für einen Köch dürfte also gesorgt sein.