Ob etwas schön blöd ist, nur blöd, sprich ganz einfach deppert, oder am Ende doch höherer Blödsinn, lässt sich nicht immer mit Sicherheit sagen. Im Falle der Wiener Band Pauls Jets, die ihr nun erscheinendes drittes Album "Jazzfest" mit einem Song namens "Jazzfest" eröffnet, zu dem sich auf einem gut zum Kopfnicken geeigneten rhythmischen Unterbau ein eventuell von rauchbarer Kräuterware beeinflusster Dialog entwickelt, dürfte die Wahrheit aber im Bereich der letzten Option liegen. Wobei. Der sechste Sinn heißt Unsinn und sorgt dafür, dass sich am Ende niemand mehr auskennt. Macht das noch Sinn?

Nach ihrem schön blöden Debüt mit dem auch ein wenig depperten Titel "Alle Songs bisher" von 2019 und dem ein Jahr später etwas ernster, sprich gerne auch verkatert-depressiv angelegten Nachfolger "Highlights zum Einschlafen" beschreitet die Band nun den Mittelweg. Sie will uns davon gleich zum Auftakt aber nichts wissen lassen.

Immerhin philosophieren Pauls Jets in der Rolle der potenziellen Hörerschaft hier über die Entwicklung der Wiener Band Pauls Jets, die mögliche Anschaffung einer Platte des Dave Holland Quartetts sowie darüber, dass die Musikindustrie ziemlich am Ende ist. "Die Jets sind eine Jazzband / Morgen sind sie schon im Jazzland / Internationale Acts jetzt." Wobei die Entwicklung für die Band um Sänger und Texter Paul Buschnegg, Bassistin und Teilzeitsängerin Romy Jakovcic, Schlagzeuger Xavier Plus und Keyboarder Kilian Hanappi, wie im zitierten Satz teils korrekt dargestellt, realbiografisch im Moment gegenteilig verläuft.

Mit "Jazzfest" ist jetzt sogar der Sprung über die Landesgrenze und den Weißwurstäquator geschafft. Das Album wird beim geschätzten Berliner Indie-Label Staatsakt erscheinen. Oben in Schland steht man spätestens seit dem Siegeszug anderer Ösi-Ausschweifungskapellen wie vor allem Wanda ("Ich will Schnaps") auf die abgerockten "Werner" und ihren kaputten Zungenschlag, auch wenn man die Texte dann nicht immer versteht. Was heißt bitte "dazöh!"? Und was soll überhaupt ein "Kohlpechana" sein?

Im gleichnamigen Song sitzen Paul Buschnegg, ein von ihm hingeschmettertes lyrisches Ich oder beide gemeinsam vom letzten Absturz noch ziemlich gezeichnet am Fenster und rauchen sich eine an. Plötzlich kommt ein großer schwarzer Vogel geflogen, der aus dem Gesamtwerk von Ludwig Hirsch stammen dürfte. Schließlich wird bei Pauls Jets immer wieder auch popkulturell montiert - und etwa das räudige "I Wanna Be Your Dog" der Stooges mit Iggy Pop als singendem Straßenköter ins Lächerliche gezogen: "Ich fühl mich pudelwohl / Darf ich dein Pudel sein?" Als Mittzwanziger ist Paul Buschnegg jung genug, um bereits den Nino aus Wien als einen Einfluss ins Feld zu führen. Von diesem kommt neben der Sache mit dem Rausch und dem Kater nicht zuletzt der gerne etwas würstelmäßige Habitus samt entsprechendem Vortrag.

In "Kohlpechana" heißt es jedenfalls sehr schön (und auch ein wenig blöd) weiter: "Erzähl eine Geschichte von vor über 100 Jahren / Wie feierte man Feste, was hat man so gegessen? / (...) Erzähl mir von Sportstätten, von Hotels und von fremden Betten / Wie waren Zigaretten, auf was für Tiere konnte man wetten? / Dazöh die G’schicht vom Gift und von der Musik / Was war ’ne Gitarre? Was war ein Wienerlied? / (...) Was war ein McMenü? Was war ein Burger King? / Was war ein heißer Sommer, was war im Cola drin?"

Halbernst bis todernst kann Paul Buschnegg aber zwischendurch auch. Es geht dann auf der Suche nach narrischen Schwammerln zunächst in den verwunschenen Wald hinein ("Äpfel, Zwetschken oder Nüsse / Mandarinen zwischen Flüssen / Cocablätter wachsen zwischen / Pilzen und anderen Genüssen"), es geht aus diesem mit ziemlicher Sicherheit aber nie wieder hinaus: "Die Seele schwarz wie das Meer in der Nacht / Autobahn ohne Licht - bis es kracht."

Nach dem Aufstieg kommt der Fall, nach dem Höhenflug der Absturz, nach dem Absturz kommt nichts mehr. Viele der 18 Songs des im Studio von Fuzzman Herwig Zamernik eingespielten und in Eigenregie produzierten Doppelalbums erzählen davon, während mit Jazz als gespieltem Witz, heiterem Schrammelrock, ausuferndem Dub und freitönendem Krautrock sowie etwas zwischen Element Of Crime und dem jungen Scott Walker unentschiedenen Chanson-Beigaben stilistisch die Abwechslung regiert. Schönen Schlager setzt es sowieso.

Leistungsverweigerung ist übrigens ein weiteres zentrales Motiv auf "Jazzfest". Konsequenterweise verschriftlicht Paul Buschnegg seine Texte nicht. Er gibt den Hohepriester der Abstürze lieber frei von der Leber weg. Zum Abschied mit "Schmetterling" gelingt das nasal-blasiert irgendwo zwischen Falco und Andreas Spechtl von Ja, Panik noch einmal besonders gut: "In Wien ist es so bitter / Die Lage ist ernst / Du sprayst es auf ein Haus / Dein pochendes Herz / Die Straßen sind hässlich / Düster und leer / Salzig und schwer / Kalt wie das Meer." Ein Album des Jahres.