Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder: Im Falle des US-Quartetts Big Thief und vor allem seiner Sängerin, Songwriterin, Frontfrau und, ach was, Chefin Adrianne Lenker sind nun auch schon ein paar Lieder zusammengekommen. Seit dem offiziellen Debüt im Jahr 2016 mit dem vielleicht ironischen, aber jedenfalls programmatischen Titel "Masterpiece" wird nicht nur mit bis heute fünf gemeinsam eingespielten Alben eifrig am Rad gedreht. Nebenbei hat die nunmehr 30-jährige Musikerin auch noch Zeit gefunden, um mit "Abysskiss" von 2018 und dem Doppelschlag "Songs" und "Instrumentals" von 2020 drei Soloalben aufzunehmen.

Vier Orte, vier Studios

Natürlich hat Adrianne Lenker ihre ersten Songs bereits im zarten Alter von 13 Jahren geschrieben. Und sie hat gerade in der Phase der mangels Konzertmöglichkeiten relativ unverplanten und in diesem Fall eher kreative Möglichkeitsräume denn Tagesfreizeit oder Depressionen eröffnenden Lockdowns nicht lockergelassen. Für den nun vorliegenden neuesten Streich, der so opulent ausgefallen ist, wie es sein ausladender Titel "Dragon New Warm Mountain I Believe in You" (4AD) bereits erahnen lässt, musste gar noch im großen Stil eingekürzt werden, um nach insgesamt 45 aufgenommenen Songs mit letztlich 20 davon und einer Spieldauer von rund 80 Minuten auch nicht unbedingt hauszuhalten. Adrianne Lenker wurde also ein Geschenk auf den Lebens- und Karriereweg mitgegeben. Die Musik fließt einfach so aus ihr heraus.

"Dragon New Warm Mountain I Believe in You"-Albumcover.

"Dragon New Warm Mountain I Believe in You"-Albumcover.

Das Konzept hingegen stammt diesmal von Schlagzeuger James Krivchenia, der das Album auch produziert hat. Die neuen Songs sollten an vier unterschiedlichen Orten in den USA in vier Studios mit jeweils wechselnden Toningenieuren entstehen, um sämtliche Aspekte von Lenkers Songwriting herauszukitzeln und entsprechend zu betonen. Gesagt, getan: Unter den in Upstate New York, der Region um den Topanga Canyon in Kalifornien (dem Entstehungsort von Neil Youngs Album "After The Gold Rush"), in der Sonora-Wüste in Arizona sowie in den Bergen Colorados entstandenen Songs ist kein schlechter dabei. Dafür fühlt sich das Endergebnis für sein Genre untypisch mehr wie eine Playlist an, für die der dramaturgische Ablauf nicht immer das Hauptkriterium war.

Buchstäblich geerdet

Das Genre heißt im Großen und Ganzen übrigens Folkrock. Nach ihrem Durchbruch mit den Alben "U.F.O.F." und "Two Hands" von 2019 im Zeichen eines wie auch immer gearteten Indie- oder Alternative Rock hat sich die Band in der Zwischenzeit nicht zuletzt dem Hinterland verschrieben. Ein Umstand, den man zumindest Lenkers männlichen Mitmusikern mittlerweile auch ansieht. Tod der Nassrasur! Her mit dem Flanell! Weite Teile des Albums klingen folgerichtig recht hillbillymäßig nach Countrykaschemme und geben sich unter Zugabe von Maultrommel und Bratlgeige buchstäblich geerdet. Außerdem künden Songs wie "Red Moon" auch inhaltlich von der Stadtflucht und ihren Folgen.

Gerade als Trendbezirk-Hipster verklärt man das Leben draußen im Holz mitunter erheblich. So romantisch das alles im Dokumentarfernsehen auch aussehen mag, nach ein paar Tagen ohne WLAN und Fließwasser kommt man beim Sammeln von Beeren und Hülsenfrüchten doch schnell an seine Grenzen. Mein Gott, was mache ich hier? "Half dead, half awake / Make a pie, bake a cake": Zumindest der Song "Dried Roses" kündet womöglich auf seine Weise von dem Moment, bevor man entweder ganz am Land ankommt - oder schnell wieder flüchtet.

Apropos Grenzen. Die Überlänge des Albums ist es auch, die einem raschen Wiederhören tendenziell im Wege steht. Dabei entfalten die Stücke ihren vollen Reiz erst in der Wiederholung und offenbaren dabei auch die ganze Bandbreite dieser Kunst.

Vom beiläufigen Folk-Mystizismus des Titelstücks über hübsch zärtelnde Mann-Frau-Balladen wie "12,000 Lines" und das mit reichlich aus den 1980er Jahren gerettetem Hall unter Strom gesetzte "Little Things" hin zu "Blurred View" in Loop-Ästhetik oder dem näher am kauzigen Garagensound von Neil Youngs alten Kameraden Crazy Horse angerichteten "Love Love Love" erweisen sich Big Thief dabei als meisterlich. Nicht zuletzt die Spielfreude der Band als verschworene Einheit macht das Album zu einem Ereignis.