Letzte Woche verzeichnete Mitski mit ihrem sechsten Album "Laurel Hell" (Dead Oceans) mit Platz 5 den höchsten Neueinstieg in den US-LP-Charts. Die 17.000 Vinyl-Exemplare unter den 24.000 digital und physisch verkauften Einheiten sind sogar Jahresbestwert. Deutlicher ist nicht zu belegen, dass die 31-jährige klassisch ausgebildete japanisch-amerikanische Sängerin, Songwriterin und Multi-Instrumentalistin mit dem bürgerlichen Namen Mitsuki Laycock-Miyawaki im Mainstream angekommen ist. Eine Entwicklung, die sich spätestens mit ihrem Album "Puberty 2" (2016) angekündigt hatte.

Wie andere große Songwriterinnen wie Angel Olsen oder Sharon Van Etten spricht Mitski krasse Themen an: Sexualität, Abhängigkeit, Gewalt, Depression und nicht zuletzt Existenzängste. Die Selbstverständlichkeit, mit der das geschieht, macht ihre Verführungskraft aus: Als Künstlerin, die uns Leiden/-schaft, Selbstversengung, Hingabe (auch an ihre Kunst) vorführt. Da so etwas meist attraktiver nachzuvollziehen als selbst zu erleben ist, brauchte Mitski für "Laurel Hell" gute drei Jahre.

Wesensverwandt

Ob es an der langen Fertigungsdauer liegt, dass die Platte den Eindruck vermittelt, es hätte sich hier vieles ein wenig abgeschliffen? Das Eruptive früherer Alben ist jedenfalls verschwunden, mit ihm übrigens auch die ehedem dramaturgisch nicht unmaßgeblichen lauten Gitarren. Stattdessen dominieren in den überwiegend zügigen Songs Keyboards, insbesondere 80er-Jahre-Synthesizer. So erinnert dann etwa "The Only Heartbreaker" an die australische Synthie-Pop-Band Real Life, "Should’ve Been Me" sogar an Hall & Oates.

Es sind indes natürlich die Ausreißer, die die Eckpfeiler setzen: Der mit archaischen Geister- und Trugbildern operierende Opener "Valentine, Texas" steigert sich nach elegischem Beginn über ein burleskes Piano in eine leicht unheimliche Jahrmarktstimmung, die sinnigerweise am Ende des Albums in aufgekratzterer Form mit einem schunkelnden Keyboardmotiv in "That’s Our Lamp" wiederkehrt. Die langsame, von drei Stunden Schlaflosigkeit animierte Ballade "Heat Lightning" erinnert anfangs an den Velvet-Underground-Klassiker "Venus In Furs", nimmt dann aber die Anmutung eines Folk-Songs an.

Höhepunkt ist die melodische, mit leichten fernöstlichen Spitzen durchwirkte Pop-Perle "Working For The Knife". Das titelgebende Messer steht hier wohl für unheilvolle, zerstörerische Einflüsse, denen sich die Protagonistin, wie sie am Ende erkennen muss, nicht entziehen kann.

Oberflächlich bestehen zwischen Mitski und Sasami etliche Wesensverwandtschaften: Auch Sasami Ashworth ist 31 Jahre alt, amerikanische Songwriterin asiatischer (diesfalls koreanischer) Herkunft und klassisch ausgebildete Multi-Instrumentalistin. Dazu haben sie beide gleichermaßen eindringliche wie wandelbare Stimmen und singen von den Knüppeln, die das Leben selbstbewussten Frauen zwischen die Beine wirft. Es passt also hervorragend, wenn beide am 17. 5. im Wiener WUK auftreten.

Melodiestark

Der Unterschied ist: Den Clash unterschiedlicher Stile, den Mitski schon hinter sich gelassen hat, trägt Sasami noch offen aus: Ihr zweites Album, "Squeeze" (Domino, erscheint am 25.2.), mäandert zwischen Nu Metal, Rock, Folk und Country. Sasami agiert dabei aber immer stilsicher: Es ist kein Zufall, dass die Zeilen "get a real job and a fake smile" in einem Country-Song auftauchen - in einem Genre also, dessen Alltagsgesicht mit Strahle-Grinsen (Selbst-)Zufriedenheit, existenzielle Sicherheit und gute Laune zur Schau stellt.

Animal Collective haben die letzten ungefähr fünf Jahre einen mutigen und sympathischen Weg eingeschlagen, indem sie in sehr speziellen, genuin experimentellen Konzept-Projekten wichtige Themen wie Umweltschutz verhandelt haben. Diese versponnenen Hörspiele hatten etwas Rührendes, waren impressiv und fraglos anstrengend. Insofern wirkt es nachgerade befreiend, wenn die Band nun wieder verträglichere Pfade einschlägt und mit "Time Skiffs" (Domino) ein makelloses, immer noch weitgehend "naturhaft" instrumentiertes, aber eingängiges und melodiestarkes Psychedelic-Pop-Album vorlegt, das es schafft, in einem einzigen Stück, "Strung With Everything", ungefähr die gesamte "Smile"-Suite der Beach Boys auf knapp sieben Minuten zu verdichten.