"Here comes the fear again, it’s getting near again" (Jarvis Cocker, Pulp): Als sich die 1981 im britischen Bath gegründete Band Tears For Fears mit ihrem Debütalbum "The Hurting" von 1983 und vor allem dem zwei Jahre später veröffentlichten Nachfolger "Songs From The Big Chair" auch schon wieder auf dem Höhepunkt ihrer Karriere befand, waren es zwar die Verwundungen der Kindheit, die ihre Texte vordergründig bestimmten. Die alten Schulfreunde Roland Orzabal (Songwriting, Gitarre, Gesang) und Curt Smith (Bass, Gesang) bezogen sich diesbezüglich bereits mit ihrem Bandnamen auf die sogenannte Primärtherapie des US-amerikanischen Psychologen Arthur Janov.

Neben ihrem ausdrücklich dem Protest und der Erhebung geschuldeten Hit "Shout", der bis zuletzt auf keiner 80er-Jahre-Gedenkparty fehlen durfte, waren es aber auch Songs wie das diesem ebenbürtige und bis heute auf Radio Evergreen rotierende "Everybody Wants To Rule The World", das 2001 durch eine Coverversion für den Film "Donnie Darko" wiederentdeckte "Mad World" oder Albumstücke wie "Gas Giants", die eines zum Ausdruck brachten: Wie bei so vielen musikalischen Kindern ihrer Zeit hinterließen die Beklemmungen des Kalten Krieges auch im Werk von Tears For Fears ihre unüberhörbaren Spuren.

Sage und schreibe 18 Jahre nach ihrem letzten Album und somit in einer Zeit, in der die Angst vor einem bewaffneten Ost-West-Konflikt neue bedrohliche Blüten treibt, lässt die Band auf ihrem jetzt vorliegenden neuen und insgesamt erst siebenten Streich "The Tipping Point" (der Kipppunkt!) einmal mehr zumindest zwischendurch alte Geister umgehen.

Nach eingespielten Protestszenen und einem abgefeuerten Schuss etwa heißt es im Song "My Demons" zwischen rezenter Überwachungstechnologie und althergebrachten Agenten: "What a man to do? What a man to trust? We’re not one of you, you’re not one of us." Auch der Titel "Alle gegen alle" der Deutsch Amerikanischen Freundschaft aus dem Jahr 1981 kommt einem dazu in den Sinn. Vermutlich beschwört Roland Orzabal auch deshalb bereits im mit seiner akustischen Folkgitarre aus dem US-Hinterland so gar nicht zum erinnerten Sound der Band passenden Eröffnungssong ("Freedom is no small thing") die Freiheit und den Frieden. Hohe Güter, die lange genug für zu selbstverständlich erachtet wurden.

Das mit dem Frieden gilt auch für die Band selbst. Nach ihrem schwülstigen, in Richtung Softrock versaxofonten dritten Album "The Seeds Of Love" von 1989 mit über einer Million britischer Pfund an Produktionskosten und Phil Collins als Gastschlagzeuger trennten sich Orzabal und Smith im Streit.

Orzabal konnte mit zwei weiteren Alben unter dem Namen Tears For Fears nicht an alte Erfolge anschließen und auch die Solobemühungen der beiden Musiker blieben fruchtlos. Nachdem das erwähnte "Mad World"-Cover von Michael Andrews und Gary Jules wieder an die alten Veteranen des 80er-Jahre-Pop erinnert hatte und ein Neustart lukrativ erschien, kam es schließlich zur Versöhnung - und nach dem Flop des Comebackalbums "Everybody Loves A Happy Ending" von 2004 zur bisher längsten Pause.

Für den nächsten zweiten Frühling sollten alte Fehler nicht wiederholt werden. Roland Orzabal ist heute 60 und hat nicht nur den Unsinn mit den gefärbten Haaren aufgegeben, passend zur aktuellen Erscheinung als altersweiser wie altersweißer Methusalem bezeugen auch die zehn neuen Songs eine Art späte Reife.

Zwar ist die Stimme von Curt Smith dünn geworden und schrecken die Stücke nach wie vor nicht vor großen Gesten sowie etwas Kitsch und Pathos zurück. Für "Rivers Of Mercy" etwa hätte sich das Duo die goldene Coldplay-Medaille für Ergriffenheit verdient. Abgesehen von den etwas bemüht modernisierten Effekten von "Long, Long, Long Time" ohne Zugeständnisse an den Zeitgeist produziert und zwischen 80er-Jahre-Referenzen und den Nachwehen der 1990er gerne auch zeitlos gehalten, regiert für eine knappe Spieldreiviertelstunde aber solides Songwriting-Handwerk.

So beweist etwa das bereits als Vorabsingle ausgekoppelte Titelstück mit seiner Anspielung an "Everybody Wants To Rule The World" bewährte Pop-Qualitäten. Dazu wird in der zweiten Spielhälfte, in der Roland Orzabal etwa mit "Please Be Happy" seiner nach 35 Ehejahren verstorbenen Frau gedenkt, auch die alte Vorliebe des Duos für die Funktionsharmonik der Beatles aufgefrischt.

Bevor das Album mit "Stay" im Ton friedlich ausklingt, ist es bei "End Of Night" auch inhaltlich ein (alters)milder, hoffnungsvoller Blick auf die Welt, der überrascht - und derzeit besonders drastisch von der Realität überlagert wird.