"Ich muss würgen, wenn ich diese Wesen hier aufwachsen seh / Lasst sie noch ein Stückchen Kind sein / Bewahrt sie vor dem Fallbeil all der Gleichmacherei". Könnte sein, dass ein ziemlicher Kindskopf in Rolf Blumig steckt. Zweitens, dass er dem Landleben rund um Berlin - das wird hier nämlich beschrieben - eher abhold ist. Mit Anschlägen auf den sogenannten guten Geschmack und weltumarmender Harmonieseligkeit ist der 24-jährige Sänger, Gitarrist, Songwriter und Produzent aus Leipzig dagegen gerne dienlich.

Musikalisch wiederum gibt Rolfie, wie er sich rufen lässt, den Universalisten, wenn er, oft hart an der Grenze zur Satire, mit einer gewissen Atemlosigkeit durch Psychelic- und Progressive Rock, Funk, Schlager, vereinzelt sogar Jazz und Comedy nach Art Frank Zappas hastet. Dieser eigentümlichen Gratwanderung zwischen Wichtig- und Lustigmachen huldigt Rolfie sogar in seiner PR-Strategie, wenn er seine Plattenfirma ausrichten lässt, dass er für Interviews nicht zur Verfügung stehe.

Richtig bösartig

So oberschlau in Szene gesetzt, kann das schon Argwohn erwecken. Es kann aber auch tatsächlich was, wie Blumigs zweite, selbstproduzierte LP, "Rolfie lebt" (Staatsakt), zeigt. Der Opener "Brndnbrg", der natürlich das Bundesland Brandenburg meint und aus dem die eingangs zitierten Zeilen stammen, konterkariert eine latente Schwerfälligkeit durch Blumigs sprunghaften Gesang. Gleich darauf aber zelebriert "Traumjob Strandbar" zu hämmerndem Rock und Synthie-Brechern ein ranziges Strand-Szenario mit albtraumhaften Bildern: "Die Gischt spült Leichen an / du hast dein Kleidchen an". Und Tropen-Feeling vermittelt mit Calypso-haft entspannter Akustik-Gitarre, die aber mittendrin rüde durch eine Paraphrase auf den Synthie-Klassiker "Popcorn" von Hot Butter interpunktiert wird, die Thomas-Gottschalk-"Hommage" "1000 Thomas".

Richtig bösartig wird es indes, wenn Rolfie schlagerselig mit absichtsvoll ultradoofer Stimme in "Blumen" (das übrigens mittendrin ein kleines Schlagzeugsolo ziert) ein Kriegsheimkehrer-Drama mit tiefer existenzieller Einsicht intoniert: "Blumään schau’n genauso gern dem Morden zu wie dem Liebespaar im Spiel der Gefühlää." Nicht nur Bergsteiger wissen: Am Rand des Abgrunds liegt die größte Lust.

Auch Werckmeister dürfte dieser Bereich nicht unvertraut sein. Opulenz, Bombast und große Gesten sind die Waffen, mit denen das Wiener Trio um den aus Basel stammenden Sänger, Songwriter und Gitarristen David Howald die Grenzen des Verträglichen auslotet und ungefähr alle 13 Sekunden den Bogen überspannt.

Wenn der Punkt erreicht ist, dass der Hörer diese Überfülle gleichgültig oder gar taub hinnimmt, haben Werckmeister ihr Rennen gemacht. Diese Tendenz wird von den Inhalten vorgegeben. Die Musik, die auf vergleichsweise konventionellen, gitarrendominierten Art-Rock-Strukturen aufbaut, kann nicht viel mehr, als ihnen stimmig zuzuarbeiten.

Fluide Texte

"Die Trojaner kommen aus deinem Spitzmund, pippetiert." "Du bist das Wimmern des Wals (oder Walds?) im Napalmgelb." "Wie ein Kind alles in sich nimmt wie ein großes Kleid / ich muss weiter eil’n, um nicht einzugeh’n in die Unendlichkeit": Mit solchen Perlen wirft Howald großzügig um sich und lässt keinen Zweifel offen, wie seine Wortspenden zu verstehen sind: als Dichtung, nicht einfach als profane Songtexte. Wiederholt hat sich Howald auf den französischen Schriftsteller und Theatertheoriker Antonin Artaud berufen, der mit seiner Prämisse eines "Theaters der Grausamkeit" ein sensuales, unmittelbares Bühnenerlebnis anstelle des gängigen psychologischen Theaters einforderte. Der LP-Titel "Kairos" (Werk Music) wiederum steht für eines von zwei aus der griechischen Mythologie abgeleiteten Zeitkonzepten: Chronos als die chronologisch verkettete (geschlossene), und Kairos als die fluide (offene) Zeit. Und eben so, als etwas Fluides, versteht Howald auch seine Texte.

Genau dort, wo ein solch nicht alltäglicher Zugang frontal mit den Limitationen des Popmusikmachens crasht, hat das Album seine genuin großen Momente. Dann entwickelt Howard, der unheilvoll grollen kann wie der unvergessene David McComb (The Triffids), in Stücken wie "Die Eloquenz des Untergangs" tatsächlich jenes Fluidum, das seine Musik ideell unterfüttert.