Das Albumcover erklärt nicht nur den plakativen Albumtitel "Crash" recht plakativ. Es könnte auch selbst dafür sorgen, dass sich auf den Straßen diverse Auffahrunfälle ereignen. Vorsorglich jedenfalls sollte man das Sujet von Charli XCX in Bikini und Doggystyle-Pose als sexuell hungriger Vamp auf der Motorhaube besser nicht in Autobahnnähe affichieren.

Obacht! Männer mit Blutstau, die sich den Nacken verrenken, weil sie ihren Kopf gerade vorsätzlich verdreht bekommen, könnten außer sich selbst auch die generelle Verkehrssicherheit gefährden. Erregung im Verkehr muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass jemandem etwa aufgrund von Sonntagsfahrern mit Hut, gelackmeierten Gustav Gänsen in gottverdammten Teslas und anderen Wapplern mit Führerschein die Kabel durchbrennen. Ja schleich du dich!! Erregung im Verkehr kann auch bedeuten - wie sagt man es jetzt bloß -, dass es im Zweifelsfall doch besser ist, stehen zu bleiben, um ganz entspannt einzuparken. Und da haben wir noch gar nicht über das Thema Sicherheitsgurte gesprochen. Sicherheitsgurte helfen bei der Vermeidung von Unfällen und schützen außerdem vor beim Einparken übertragbaren Krankheiten.

Die britisch-amerikanische Popsängerin und Songwriterin Charlotte Emma Aitchison alias Charli XCX, erstmals im Jahr 2012 durch ihre Icona-Pop-Kollaboration "I Love It" zu Ruhm gekommen, setzt aktuell recht proaktiv auf Metaphern wie diese. Immerhin ist "Crash" (Warner Music) als Gesamtes verkehrstechnisch sehr belebt, obwohl darauf exakt niemand autofährt.

Mit Madonna ins "Stahlrohr"

Entsprechend hat die 29-jährige Musikerin Singles wie "Baby" auch in knappen PR-Statements am "Parental Advisory"-Pickerl vorbei angekündigt: "This song is about feeling sexy, having good sex and being HOT." Nicht von ungefähr fühlt man sich auf ihrem fünften Album seit dem Jahr 2013 mitunter an Prince erinnert, der gerade den Sexy Motherfucker gibt - oder an Madonna in ihrer Pornophase beim Stangentanz durch Szeneclubs mit Namen wie "Stahlrohr", "Hintertür" oder "Arrivederci Hans".

"I’m about to crash" und "I’ma fuck you up" - relativ schnell bemerkt man: Um Sicherheit beim Einparken geht es Charli XCX mit den in dazugehörigen Musikvideos bevorzugt textilfrei und im Synchrontanz präsentierten Songs überhaupt nicht. Stattdessen erlebt man einen unersättlichen weiblichen Maneater im Sinne der im Song "Move Me" auch mit seiner Timbaland-haften Produktion erinnerten Nelly Furtado des Jahres 2006, die eine Femme fatale mimt, die als Bad Bitch daherkommt.

Die Sängerin dazu im Song "Good Ones", der sein Synthie-Motiv von den Eurythmics ("Sweet Dreams") und seine zentralen Arrangements von Tom Petty ("Learning To Fly") gestohlen hat: "I swear that I love nothin’ more than broke / I always let the good ones go." Oder bei "Constant Repeat" zu käsigen 80er-Jahre-Keyboards und einer Erinnerung an den Bubblegum- und Schulhofpop der frühen Nullerjahre inklusive Cheerleaderchants und Quarterbacks erfreuender Jubel-Choreografien: "Do you realize? / I could have been the one to change your life / You could have had a bad girl by your side." Brave Mädchen kommen in den Himmel, böse Mädchen kommen überall hin. Charli XCX nimmt vor diesem Hintergrund den Lift in den Keller und heizt in der Hölle schon einmal die Sauna ein.

Mit 14 Produzenten(teams) um Ariel Rechtshaid (Adele, Haim) und Oneohtrix Point Never, der zuletzt auch The Weeknd bei seiner Gedenkarbeit an die 1980er Jahre unterstützte, sowie mit bis zu acht Co-Autoren pro Song ist der Point of no Return dabei schnell erreicht. Wir hören oft nur um die zweieinhalb Minuten lange musikalische Quickies, die Pop wieder in strahlenden Versalien buchstabieren und außer Hits nur Hits liefern wollen. Als weiteres Beispiel dafür sei etwa nur der Song "New Shapes" im Verbund mit den befreundeten It-Girls Héloïse Adélaïde Letissier alias Christine and the Queens und Caroline Polachek genannt.

Der einzige wirkliche Vorwurf, den man Charli XCX machen kann, ist dann auch ein ganz anderer: Vor zwei Jahren hat die Sängerin mit den Quarantänesongs von "How I’m Feeling Now" ein gutes Stück Gegenwart abgebildet, mit seinem bewussten Bekenntnis zur schillernden Pop-Oberfläche ist "Crash" in der Krisenrealität des Jahres 2022 hingegen das falsche Album – zur falschen Zeit.