Es gab in den 80er Jahren eine spezielle Form von Mainstream-Pop, die eine nicht zu ausgezackte Rockmusik mit Synthies kombinierte, durch die in homöopathischen Dosen bereits die New Wave durchgerauscht war und sich auf dem Weg zum breiten Publikum ausgeglättet hatte. Eine Musik also, die sich von verschiedenen Seiten her zur Mitte hin zentrierte und im Prinzip fortschrieb, was in den 70ern despektierlich "Hausfrauenrock" genannt worden war.

Erstaunlicherweise aber fanden einige ihrer Protagonisten (Huey Lewis & The News, Real Life oder A-ha) nachsichtiges Wohlwollen bei "anspruchsvolleren" Pop-Afficionados - vielleicht auch, weil große Namen gerne auch einmal in ihren Revieren wilderten: Der frühe John Mellencamp etwa, der sich damals noch "Cougar" nannte; selbst ein Tom Petty ("You Got Lucky") und sogar The Boss himself ("Glory Days"). Nach den von Intensität geprägten Exerzitien der Hardcore- und Grunge-Liga hat man diese temperierte und vergleichsweise disziplinierte Musiksprache im Rückblick ein wenig zu schätzen gelernt. Trotzdem trauen sich heute nicht mehr viele Musiker über so was drüber. Night Moves vielleicht, Kevin Parkers Tame Impala. Und Parkers australischer Landsmann Alex Cameron.

Cameron hat sich seinen Namen hauptsächlich durch seine Bühnen-Persona als abgehalfterter Entertainer gemacht, der sich in Strip-Schuppen oder schäbigen Casinos abarbeitet. Sein regelmäßiger Kollaborateur ist dabei der Saxofonist Roy Molloy, den er als "my business partner" vorzustellen pflegt. Musik-Fans könnte Alex Cameron auch als Co-Autor mehrerer Songs der Killers bekannt sein.

Suggestiver Sänger

"Oxy Music" ist Camerons vierte LP. Sie wurde vorab mit einem Promo-Text von Nico Walker beworben: Walker, ein traumatisierter Veteran aus dem Irakkrieg, hatte wegen mehrerer Banküberfälle zur Beschaffung von Drogen eingesessen, im Gefängnis zu schreiben angefangen und mit seinem Roman "Cherry" Anerkennung gefunden. Cameron und Walker: Eine Koalition von Gescheiterten, die in der Kunst ihr Jenseits gefunden haben.

Der LP-Titel scheint, obwohl musikalisch so gut wie keine Berührungspunkte bestehen, auf Roxy Music zu verweisen, bezieht sich aber auf Oxycontin, ein starkes Schmerzmittel mit ebenso starkem Suchtpotenzial. Das indiziert bereits ein prominentes Thema auf dieser LP: Drogen. Als Cameron zu einem frühen Zeitpunkt der Pandemie, im Frühling 2020, die Arbeit an dem Album aufnahm, sei man, sagt er, auf der Straße fast ausschließlich Junkies begegnet.

Ob man sich nun als Hörer gerne auf die Platte einlässt oder nicht, hängt davon ab, inwieweit man bereit ist, den eindringlich-suggestiven Sänger Cameron als Songschreiber ernstzunehmen. Die meist wirklich leichtgewichtige, nicht selten wie formelhaft zusammengestoppelt klingende Musik macht das nicht immer leicht. Dass sich ein Gastbeitrag von Sleaford-Mods-Vokalist Jason Williamson in dessen schmutzigem Nottinghamer Idiom über seichtem Synthie-Geleier regelrecht absurd ausnimmt, verdeutlicht das Dilemma.

Das stärkste Argument der Platte sind ganz fraglos die Texte. Cameron erweist sich als scharfsichtiger Chronist der Zeit, wie er sich mit Cancel Culture, Social Media oder Online-Kommunikation auseinandersetzt: Phänomenen also, die mittelbar stark von der ubiquitären Seuche beeinflusst sind. Mit direkten Verweisen auf Corona ist Cameron dankenswerterweise sparsam. Lediglich in einem Stück, das wohl vor falschen Einflüsterern warnen will, bezieht er sich in bemerkenswerter Weise auf die Impfung: "Who told my brother that his kids are gonna die from this vaccine?"