Auf dem aktuellen Albumcover posiert die Künstlerin ungefähr genauso nackt wie auf ihrem Vorgängerwerk aus dem Jahr 2018. Sah man die 1992 geborene spanische Sängerin Rosalía auf der Vorderseite ihrer am Catalonia College of Music absolvierten und gleich auch dem Publikum zur Verfügung gestellten musikalischen Bachelorarbeit "El mal querer" allerdings als einerseits kitschkatholisch inszenierte, andererseits feministisch aufgeladene Madonna 2.0 mit erleuchtetem Schambereich, wird heute immerhin noch ein Motorradhelm getragen. Von den überlangen künstlichen Fingernägeln vor den gerade am US-Markt immer problematischen Körperstellen einmal abgesehen (Stichwort Nipplegate!), hat das natürlich auch einen Grund.

Nicht nur hört und sieht man im Song "Hentai" und dessen Musikvideo, dass Rosalía sich in Laken rekelnd durchaus auch abgewetzte Männerfantasien zu bedienen bereit ist, indem sie bekennt, ihren Lover wie ein Motorrad reiten zu wollen - und etwa auch seine Kanone ziemlich gut zu finden. Vor allem in ihrem viele Fantastilliarden Male gestreamten und angeklickten Hit "Saoko" wird sehr gerne auch das Image der Wilden mit ihrer Maschin’ bedient. Immerhin erlebt man Rosalía und ihre Gang aus befreundeten It-Girls dabei, wie sie sich bei halsbrecherischen Verkehrsmanövern in waffenscheinpflichtigen Outfits um Probleme mit der örtlichen Exekutive bemühen.

Das Ganze soll mit seinen Verweisen auf den 2004 veröffentlichten Latino-Hit "Saoco" des Reggaeton-Produzenten Wisin gemeinsam mit dem puerto-ricanischen Rapper Daddy Yankee dann aber auch eine feministische Umdeutung erfahren. Während es im Original durch und durch frauenverachtend zugeht, sind diverse dabei gehörte Zeilen über Mamas, die Pferde reiten sollen, die gar keine Pferde sind, allerdings gar nicht so weit von Rosalías Texten entfernt. Wir sehen schon, mit unserer jungen Heldin, die ihren betonten Individualismus bevorzugt im Gleichschritt diverser Synchrontänze vorexerziert, liegen die Dinge eher im Bereich "Es ist kompliziert".

Es wird allerdings noch komplizierter. Hatten bereits die auf akustische Gitarre und Gesang konzentrierten Flamencos ihres Debütalbums "Los Ángeles" von 2017 sowie deren elektronische Neudeutungen im Zeichen des globalen Kunststudierendentums von "El mal querer" bereits für Vorwürfe in Sachen kulturelle Aneignung gesorgt, wird auf dem nun also vorliegenden und mit einer TikTok-Performance am Puls der Zeit präsentierten dritten Streich "Motomami" der Stilstaubsauger mit noch mehr Nachdruck angeworfen. Wobei die zu Hause in Katalonien wohlbehütet aufgewachsene Sängerin nicht davor zurückschreckt, den Straßenslang aus den ärmsten Ecken Lateinamerikas für ihr neues Image als futuristische Latino-Queen in Texte über glamouröse Partynächte mit Champagner-Begleitung zu integrieren. Man gönnt sich ja sonst nichts: Sehr gerne werden dabei nicht zuletzt Modelabels wie Fendi oder vor allem Versace angehimmelt und vergöttert.

Die laut Interviews nun erstmals sehr persönlichen Songs, verantwortet von je bis zu neun Co-Autoren, setzen aber auch auf eine musikalisch mitunter bizarre Mischung. Neben traditionelleren Einflüssen aus Kuba im Falle von "Delirio De Grandeza" mit seiner frech-feministischen Intervention in einen Schmachtfetzen des 1940 geborenen Sängers Justo Betancourt sowie aus der Dominikanischen Republik wie mit dem The-Weeknd-Duett "La Fama" im Bachata-Stil ist es vor allem der aus Puerto Rico stammende Reggaeton, der die 16 neuen und in knapp 42 Minuten gereichten Alles-geht-mit-allem-Stücke bestimmt.

Zwischen dem betrübten Autotune-Gejodel im Stil ihres einstigen Duettpartners James Blake oder zerschossener venezolanischer Avantgarde-Elektronik der Marke Arca scheint es bei Stücken wie der markanten Vorabsingle "Chicken Teriyaki" außerdem um eine langsame Einverleibung des japanischen Kulturraumes zu gehen. Welche Emotionen die dabei gehörten und doch reichlich banalen Reime von "Tatami" auf "Tsunami" dort auslösen, wäre allerdings noch interessant.

Man erlebt Rosalía zu einem im Hintergrund murrenden Männerchor aber auch im Kampf dafür, als sich 24/7 den Arsch aufreißende Künstlerin bitte schön selbst bestimmen zu dürfen, ob sie beim Vortrag von Flamencos traditionelle Kleidung oder doch lieber Versace trägt (wir kennen die Antwort), während selbst ihre Oma noch vorbeischaut und bei einer kleinen Sonntagsansprache auf dem Anrufbeantworter hingegen für die guten alten Werte plädiert. Hola! Als Erstes kommt Gott, dann die Familie. Man muss dem Nachwuchs immer auch Ratschläge mit auf den weiteren Lebensweg geben.

Was an "Motomami" gerade nicht falsch sein sollte, ist verlässlich gekünstelt - oder es lässt sich mit diversen Unklarheiten diverse Hintertüren offen: "Yo soy muy mía, yo me transformo" - "Ich bin ganz ich selbst, weil ich transformiere", heißt es dazu gleichfalls in "Saoko", in dem sich Rosalía umgehend in eine selbstdeklarierte "Sex-Sirene" verwandelt und behauptet: "Ich bin alle Dinge."

Damit ist die 29-Jährige zwar endgültig der weibliche Popstar der Stunde, der unter Altinfluencerinnen wie Beyoncé ebenso auf Begeisterung stößt wie unter dienstjüngeren Hype-Trüffelschweinen, trotzdem versöhnt sie sich im Abschlusssong "Sakura" bereits vorsorglich mit einer möglichen Phase des schwindenden Ruhms. Rosalía setzt dafür auf einen Vergleich mit der Kirschblüte, deren große kurze Zeit für die Saison wiederum erst bevorsteht.