Pete Doherty & Frédéric Lo: The Fantasy Life Of Poetry & Crimes (Strap Originals & Water Music)

Pete Doherty hat es überlebt. Nicht nur ist der einstige Ausschweifungssänger an der Spitze der Libertines oder Babyshambles und nächste befürchtete Rocktote der Nullerjahre eigenen Aussagen zufolge seit Dezember 2019 clean. Auch künstlerisch zeigt die Formkurve aktuell wieder nach oben. Sein gemeinsam mit dem französischen Musiker Frédéric Lo eingespieltes Album "The Fantasy Life Of Poetry & Crime" kündet davon. So konzentriert wie auf den zwölf in gut 36 Spielminuten gereichten Songs hat man den heute 43-Jährigen jedenfalls schon lange nicht mehr gehört.

Aufgenommen in Dohertys Wahlheimat Étretat, einer nicht nur für ehemalige Junkies gesundheitsfördernd inmitten der prächtigen Landschaft gelegenen 1200-Seelengemeinde in der Normandie mit pittoresker Steilküste und Meerzugang, mag dafür auch ein Umstand mitverantwortlich gewesen sein: Während Pete Doherty mit dem Texten beschäftigt war, um mit Lockdown-Stücken wie "The Epidemiologist" oder "Yes I Wear A Mask" unüberhörbar auch die Covid-19-Krise für sich zu verarbeiten, stammt die Musik diesmal von seinem Neo-Projektpartner Lo. Wobei Doherty den semiakustischen Tagträumen mit Streicherbegleitung ebenso seinen unverkennbaren eigenen Stempel aufdrückt wie den melancholisch beschwingten Midtemposongs mit Wurzeln im zeitlosen Sixties-Pop. Manchmal regiert dabei Begräbnismoll ("The Ballad Of"), manchmal geht es bei quer durch das Album gebotenem melodischem Mehrwert zu Fingerschnippern und Handclaps aber auch ungeahnt fröhlich zu ("You Can’t Keep It From Me Forever", "Keeping Me On File").

Zum Abschluss in Form einer Klaviermeditation stehen die Pandemie und ihre Folgen dann auch aus direkter Künstlerperspektive auf dem Programm: "They closed down all the bars, clubs and theatres / Where am I supposed to sing my song / Where the only place that I belong / Is amongst the madding throng." Die dabei adressierte tobende Menge aber, sie wartet schon: Bekanntlich ist derzeit auch ein Comeback von Pete Doherty mit den Libertines in Planung.

Chris Imler: Operation Schönheit (Fun In The Church/Bertus/Zebralution)

Fahrendes Einmannunternehmen mit Neigung zum kosmischen Mantra: Chris Imler. 
- © Frederike Wetzels

Fahrendes Einmannunternehmen mit Neigung zum kosmischen Mantra: Chris Imler.

- © Frederike Wetzels

Das ist der Rhythmus, bei dem man mitmuss: Der auch als Galeerentrommler für diverse Szenekollegen gefragte deutsche Musiker Chris Imler begeisterte bereits auf seinen Soloalben "Nervös" (2014) und "Maschinen und Tiere" (2018) mit heftig zum Kopfnicken ladenden Songs im Zeichen der spinnerten Unterhaltungselektronik und des höheren Unsinns. Und er erfreute als fahrendes Einmannunternehmen im Zeichen der nächtlichen Eskapade vor allem und gerade auch live im Club unseres Vertrauens – wobei wir wieder bei den Lockdownleiden Pete Dohertys wären, die auch uns selbst betrafen (und eigentlich noch immer betreffen).

"Can’t stand all the movies in my head / Can’t stand all the bodies in my bed": Auch auf seinem nun erscheinenden dritten Streich leuchtet dem Alleinunterhalter mit dem dünnen Erwachsenenfilmschnauzbart wieder der Schelm aus den Augen. Wobei sich zu den motorisch-maschinellen Klöppel- und Pluckerbeats heute auch gut ins Kraut schießende Dub-Echos mischen ("Schau hin") und "Operation Schönheit" mit Stücken wie "Chimäre Embryo" nicht zuletzt zum verstrahlten kosmischen Mantra neigt.

Schließlich treten auch Songs wie "Spooky Action At A Distance" mit seinem verschwitzten, an der Deutsch Amerikanischen Freundschaft geschulten Fundament und einem Text in bester Chris-Imler-Manier ("Wir sind zwei Sonnen, Gravitation / Wie geht es deinen Protonen? Siehst du den Sternentod kommen?") oder das programmatische "Whip Me", eine näher an Suicide stehende Fieberfantasie mit Peitsche, ihre Sternenreise an. In den unendlichen Weiten scheint nicht zuletzt bei "Emptiness Full Of Stars" die universelle Dada-Erleuchtung ganz nah.

"Shining" bedeutet mit seinen nächtlichen Saxofonen konsequenterweise auch eher David Bowie im Orbit als Stanley Kubrick im Overlook Hotel. Vorgetragen zu einem plingenden und plongenden Beat mit prächtigem Bass, schätzt man Chris Imler aber auch für zutiefst irdische Betrachtungen: "Du willst größer sein / Du brichst dir das Bein / Wenn es wieder heilt / Brichst du es erneut." Und: "Es gibt kein Schicksal / Wir haben die Wahl / Nichts was wir tragen / Steht außer Frage . . ."

Das Album erscheint am 1. April. Live gastiert Chris Imler am 27. Mai in der Roten Bar im Wiener Volkstheater.