"Was sind Ihre Hobbies?", will die Moderatorin der Radio- und Online-Streaming-Station KEXP wissen. Das ist eine (zumal für einen Qualitätssender) etwas eigenartige Frage, auf die der eine oder die andere Künstler/in schon einmal etwas unwirsch reagieren kann, denn "Hobbies" klingt irgendwie nach Gartenzwerge sammeln oder Veilchen züchten.

Aldous Harding aber antwortet, zunächst noch gut aufgelegt: "Das ist eine lustige Frage. Es sind Dinge, die sehr unterschiedlich zu denen sind, die ich normalerweise tue. Ich schaue viele Filme an und esse eine Menge. Ich sitze in der Dunkelheit, solche Sachen. Aber das ist auch nicht das, was ich besonders gerne tue, sondern was ich eben tue." "Und was tun Sie gerne?" "Ich weiß es nicht", sagt Harding und sieht die Interviewerin mit einem erbarmungswürdigen Blick an. "Ich weiß es nicht."

Abgründiger Humor

Braucht Aldous Harding Beistand? Womöglich gegen sich selbst? Man könnte diesen Eindruck bekommen. Doch sicher ist nichts. Denn leise ist da auch ein Lachen aus dem Hintergrund zu hören: Ein etwas abgründiger Humor, nicht zuletzt durch stylische, mit teils bizarren Verfremdungseffekten spielende Videos forciert, gehört definitiv zu den Signifikanten in Aldous Hardings Schaffen, über dem sich Melancholie wie ein kunstvoll veräderter, gleichwohl undurchdringlicher Hochnebel ausbreitet.

Formal bedient sich die Musik der 1990 geborenen neuseeländischen Sängerin, Gitarristin und Pianistin, die mit bürgerlichem Namen Hannah Sian Topp heißt, keineswegs besonders ausgefallener Stilmittel. Was es ausmacht, ist deren Zusammensetzung, insbesondere aber der Umgang mit der eigenen Stimme, die nicht einfach als Transportmittel für Melodien und Inhalte dient, sondern ein Universum für sich darstellt.

"Warm Chris"-Albumcover. 
- © 4AD

"Warm Chris"-Albumcover.

- © 4AD

Dazu passt bestens, dass Harding auf ihrem neuen Album, "Warm Chris" (4AD/Beggars Group), jeden der zehn Songs mit unterschiedlichem Vokalgestus interpretiert. In ihrem vermeintlich unscheinbarsten wie ultimativ spektakulärsten Part im schwebenden, in zartem Sopran gehauchten, von einem so groben wie knappen Rock-Riff durchbrochenen Titelsong manifestiert sich ihre interpretatorische Biegsamkeit am nachdrücklichsten. Ehrensache natürlich, dass nie klar wird, wer oder was "Warm Chris" sein soll: der Kristall, dem der Refrain huldigt? Eines der brennenden Papierflugzeuge, von denen im Lied die Rede ist?

Nicht grob mit dem Vorgänger "Designer" kontrastierend, laviert "Warm Chris" zwischen Folk und bisweilen bläserverstärktem Pop mit leicht kammermusikalischer Anmutung. Am Ende allerdings wird in "Leathery Whip" mit einem tollen Orgel-Riff und unerwartet sauberer vokaler Unterstützung von Sleaford-Mods-Vokalist Jason Williamson auch ordentlich Druck gemacht.

Wein essen, Brot trinken

So wie Aldous Harding ist auch Dan Bejar kein Freund eindeutiger Aussagen. Vielmehr verdichtet der Durchreisende der kanadischen Power-Pop-Formation New Pornographers mit seiner Formation Destroyer Worte und Gedanken, die nicht selten nach willkürlich aus dem Zusammenhang gerissenen Fragmenten aus Konversationen oder fiktiven Essays klingen, mit schroffen Gitarren, Synthie-Wänden und versatiler Rhythmik zu bizarren, oft schwer durchdringlichen Klangformationen.

Albumcover "Labyrinthitis". 
- © Bella Union

Albumcover "Labyrinthitis".

- © Bella Union

Hin und wieder, etwa auf der letzten Destroyer-LP, "Have We Met" von 2020, gewährt Bejar sich (und der Hörerschaft) auch etwas Transparenz. Demgegegenüber ist "Labyrinthitis"(Bella Union/Pias) - der Titel bezeichnet eine Innenohrinfektion - nun wieder "angehäufter", komplexer, wuchtiger, auch wenn die Platte mit betontem Dance-Appeal Einfachheit zu suggerieren scheint.

Sich an irgendwelche Dramaturgien zu halten, war indes noch nie Bejars Sache: In "June" driftet er mit seiner stets etwas süffisant anmutenden, an den frühen David Bowie erinnernden Stimme von einem moderaten, Slap-Bass-dominierten New-Wave-Funk in einen Sprechdurchfall, der nach delirierendem Rasen klingt. In "Tintoretto, It’s For You" verzichtet Bejar von vornherein auf eine Gesangsmelodie, um in einer Art Rezitativ unentwirrbare Bilderfetzen von Krankheit, Unglück und "einem Krieg, den du nur verlieren kannst", aneinanderzureihen.

Fast erholsam wirkt es da, wenn Bejar in einem vergleichsweise eingängigen, hübschen Song die bibelschwangere Wendung "Eat the bread, drink the wine" umdreht und singt: "I eat the wine, I drink the bread."