Rick Rubin hat geweint. Dem Starproduzenten kamen die Tränen, als er der ersten Probe der Red Hot Chili Peppers mit ihrem alten neuen Gitarristen beiwohnen durfte. Ob es der globalen Fangemeinde und der Laufkundschaft anlässlich des nun vorliegenden, insgesamt 12. Albums der US-Band ähnlich ergehen wird - und das aus den gleichen, sprich positiven Gründen -, wird sich noch zeigen müssen. Die Voraussetzungen dafür sind auf dem Papier jedenfalls gut.

Nach einem kurzen, nicht allzu experimentellen Experiment mit Brian Burton alias Danger Mouse als Produzent ihres bisher letzten Albums "The Getaway" von 2016 sind die Red Hot Chili Peppers für die Aufnahme von "Unlimited Love" nicht nur in den Mutterschoß Rick Rubins und in dessen Shangri-La Studios an die Pazifikküste vor Malibu zurückgekehrt, um gemeinsam an alte Erfolge anzuknüpfen. Immerhin saß der Mann als heimliches, inoffizielles Mitglied seit dem Album "Blood Sugar Sex Magik" von 1991 an den Reglern und war für den Durchbruch der Band zumindest mitverantwortlich.

Auch haben die Red Hot Chili Peppers ihre On-and-off-Beziehung mit John Frusciante aufgefrischt. Aller guten Dinge sind drei: Der stilprägende Gitarrist, dessen Einfluss spätestens auf dem gemeinsamen Meisterwerk "Californication" im Jahr 1999 unüberhörbar wurde, feiert mit seinem jüngsten Wiedereinstieg einen Hattrick. Es handelt sich um das erste Album mit seiner Beteiligung seit 16 Jahren. Mit entsprechender Spannung wurde "Unlimited Love" im Vorfeld erwartet.

Mit keiner Frisur

Gleich "Black Summer" mag mit seinem für eine erste Vorabsingle etwas zu verhaltenen Ton und den Chartsspitzenplätzen 43 und 78 in den Rock-Kernmärkten UK und US zwar eher enttäuscht haben. Mit seinen im Alternative Rock der 1990er Jahre verwurzelten Gitarren und John Frusciantes Auftreten im dazugehörigen Musikvideo mit aus alten Grunge-Zeiten ins Heute gerettetem Out-of-Bed-Look mit im Wesentlichen keiner Frisur und Flanellhemd aber wurde auch eine entscheidende Weiche gestellt: Die 17 neuen Songs treten eine durchaus nostalgische Reise quer durch die Bandgeschichte an und hebeln in ihrem Bemühen, die musikalische Gegenwart nicht einmal zu ignorieren, vor allem die Zeit völlig aus - mit am ehesten einer kleinen inhaltlichen Ausnahme im Text von "Black Summer", der das Thema Klimawandel ebenso aufzugreifen scheint wie die Pandemie, die dann auch die Albumgenese verzögert hat: "It’s been a long time since I made a new friend / Waitin’ on another black summer to end."

Ob es zu den vertraut wie ein alter Einrichtungsgegenstand oder ein Auftritt von Richard Lugner in den "Seitenblicken" daherkommenden Funkrock-Versatzstücken um vor allem Fleas inflationären Slap-Bass bei weniger zwingenden Albumstücken wie "One Way Traffic" auch noch eine Erinnerung an die Wurzeln der Band mit Sprechgesang im Proto-"Rap"-Stil gebraucht hat, ist hinterfragbar. Zumal Sänger Anthony Kiedis hier ebenso wie im bewährten Arbeitslook "Oben ohne", mit heute in Richtung Vokuhila tendierendem Haupthaar und Textzeilen wie "Please, love, can I have a taste? I just wanna lick your face" auch gegen einen simplen Umstand vorzurücken scheint: Der Mann wird heuer 60.

Locker und ungezwungen

Apropos Zeit: Mit rund 70 Spielminuten ist das Album natürlich zu lange geraten. Mangelnde Spielfreude und fehlenden Abwechslungsreichtum kann man der Band jedenfalls nicht vorwerfen. Von den aus dem New-Orleans-Jazz inspirierten Bläsern von "Aquatic Mouth Dance" und den metallischen Starkstromriffs von "These Are The Ways" über den smoothen Disco-Soul-Auftakt von "Let ’Em Cry" im sexy Barry-White-Stil hin zu hübschen, diesmal eher im stillen Bereich zu findenden Albumhighlights wie der klaviergetragenen Ballade "Not The One" mit John Frusciantes an eine singende Säge erinnernder Gitarre reicht die Palette. Wobei die Ergebnisse nicht nur in den ausgiebigen Jam-Passagen locker, entspannt und entsprechend ungezwungen klingen. So weit die gute Nachricht.

Die weniger gute: "Unlimited Love" wird auch als das Album der Red Hot Chili Peppers in Erinnerung bleiben, auf dem sich kein einziger Hit befindet - dafür aber der eine oder andere Song zu viel, den man nach dem Hören gleich wieder vergessen hat. "Have we all had enough? Have we all had too much?" - die dabei gehörte Frage dürfte demnach nicht zuletzt für die 23 weiteren Songs gelten, die bei den Sessions angeblich aufgenommen wurden, es aber nicht auf das Endprodukt geschafft haben.