Sarah Lesch schreibt poetische Lieder zu gesellschaftspolitischen Themen. Ihr neues Album heißt "Triggerwarnung" und ist ein feministisches Statement, das auch nicht davor zurückgescheut, über eigene Erfahrungen mit sexueller Gewalt zu berichten.

Sarah Lesch weiß freilich auch, wie es eskalieren kann, wenn man missverstanden wird. Ihr Song "Testament" wurde von rechtsextremen Gruppierungen instrumentalisiert. Wenn ihr nun Menschen auf der Straße entgegenkommen und sagen "Ah, wir waren gerade auf der Demo, da haben wir dein Lied gehört", fragt sie gleich: "Was für eine Demo?" Am Dienstag tritt Lesch im Wiener Stadtsaal auf, mit der "Wiener Zeitung" sprach sie über Cancel-Gefahr, allgegenwärtige Übergriffe und DDR-Prägung.

"Wiener Zeitung": Sie haben ja eine Beziehung zu Wien, hier haben Sie 2016 den Protestsongcontest gewonnen. Protest hat ja leider mittlerweile ein wenig an Image eingebüßt. Ihnen ist sogar passiert, dass das Siegerlied "Testament" von rechten Gruppierungen vereinnahmt wurde. Kann man so etwas überhaupt verhindern?

Sarah Lesch: Nein. Wenn man Kunst mit Sprache macht, kann man natürlich immer dazu schreiben "Klammer auf Gilt nicht für Nazis und Impfgegner, Klammer zu". Das macht man klarerweise nicht. Bei Kunst und Poesie ist ja das Schöne, dass es alle Menschen im Herzen verbindet. Und dazu gehören auch Menschen, die andere Meinungen haben. "Testament" trifft diesen tiefsten Punkt im Herzen, wo wir alle nochmal Kind sind: Eigentlich sind wir alle mal staunend und liebend durch die Welt gegangen und erst später sind Dinge passiert, die uns bewegt haben, gegeneinander zu sein.

Solche Vereinnahmungen sind in der Kunst ja häufig, siehe Richard Wagner oder auch Musiker, die nicht bei Donald Trumps Veranstaltungen gespielt werden wollten...

Das ist vielen passiert. Der Liedermacher Hannes Wader hat einmal einen Song geschrieben, in dem es um die Vereinnahmung eines anderen Songs geht. Ich verstehe erst jetzt, dass das sehr viel mit mir gemacht hat: Das Gefühl, das man verkannt wird, dass man sich denkt, was ist das für eine komische Ideologie, die ihr mir überstreift. Obwohl es in dem Song "Testament" darum geht, dass man eben nicht gewaltvoll gegeneinander ist und einander wirklich zuhört, haben viele Menschen aus verschiedenen Lagern, ob das jetzt Hippies waren, die sich für totale Gutmenschen halten oder Rechte, mich sehr gewaltvoll behandelt, das war sehr verletzend.

Gewisse Begriffe gehen für eine "neutrale" Verwendung verloren, etwa "Querdenker", "Freigeister". Manche solche aufgeladene Worte haben auch zur Instrumentalisierung von "Testament" geführt. Legt man dann die Worte beim Texten auf die Waagschale?

Ehrlich gesagt war das eine Zeitlang nach "Testament" schon so, dass ich nachgedacht habe, kann ich das jetzt so sagen oder nicht. Ich entwickle da jetzt wieder einen anderen Mut. Aber Sprache verändert sich immer, es gibt auch Worte, die man heute nicht mehr verwendet, weil man manches nicht reproduzieren möchte. Da sieht man, wieviel Geschichte an der Sprache hängt, aber auch wie die Sprache die Geschichte prägt. Stichwort Gendern: Kann man nicht einfach immer das generische Maskulin verwenden? Nein, kann man nicht, weil es unsere Gedanken formt.

Wie groß ist die Angst vorm Gecancelt-Werden?

Ich weiß ja gar nicht, wo ich überall nicht eingeladen wurde wegen dieser Sache, da gibt es eine Riesendunkelziffer von Sachen, die nicht geklappt haben. Ich bin dann aber trotzig und stur, weil ich denke, vom ersten Song an war doch total klar, wo ich stehe, ich hab ja immer Stellung bezogen. Natürlich ist eine Angst da, aber ich kann ja auch nichts anderes tun, als authentisch bleiben. Das ist zwar riskant, aber ich kann ja nicht deswegen die Sachen nicht mehr ansprechen.

Im Song "Schweigende Schwestern" erzählen sie von ihrer eigenen Erfahrung von sexueller Gewalt. Sie wurden vergewaltigt, wurden schwanger, haben dann auch abgetrieben. Wie kommt es, dass man so etwas extrem Persönliches teilt?

Musik ist für mich wie Atmen, wie eine Therapie. Ich war auf einem krassen Weg in den letzten Jahren, und bin da noch einmal zurückgegangen, man verdrängt ja sehr viel. Es ist schwer zu erklären, dass man als Betroffene so große Schuld- und Schamgefühle hat, dass man sich gar nicht bewusst macht, dass man gar nicht schuld war. Es macht es schlimmer, wenn man in einer Welt aufwächst, in der einem gesagt wird, "Vielleicht war dein Rock ja auch zu kurz". Ich bin jetzt 36, ich bin erwachsen, ich möchte damit, dass ich das ausspreche, anderen Betroffenen Mut machen, damit dieser Kreislauf aufhört. Ich bekomme jetzt eine Flut an Nachrichten von betroffenen Menschen. Ich bin mit meinem Team weinend dagesessen, weil es uns so umgehauen hat, was es für Schicksale gibt. Wenigstens hat ein Leid, also meines, dazu gedient, andere zu empowern.

Dann ist die "Triggerwarnung" - der Titel ihres neuen Albums - ja kontraproduktiv, denn wer sich das nicht anhört, wird nicht diesen Heilprozess haben....

Triggerwarnung heißt ja nicht, hier darfst du niemals hingehen, sondern: Ich gebe dir die Entscheidungsgewalt, ob du da jetzt reingehen willst. Musik und Kunst sind eine Therapieform für uns geworden, vielleicht wie früher Religion. Ich bin aber keine Therapeutin. Es gibt auch Abende, da will ich selbst den Song nicht spielen. Meine Traumatherapeutin hat mir erzählt, dass Patientinnen ihr gesagt haben: "Da kam heute ein Lied im Radio, und jetzt hab ich gemerkt, ich muss noch was mit ihnen besprechen" - und das war mein Lied. Nicht über Sachen zu sprechen, verkrustet uns alle total und gibt den Tätern freie Bahn. Ich gehe fast täglich mit übergriffigen Menschen um.

Zum Beispiel?

Bei einem Veranstalter neulich gab es backstage nur eine einzige Toilette und da hat man die Tür aufgemacht und hatte einen Penis in der Hand - der Türgriff war ein Penis, auch die Toilette war wie ein Penis designt. Da wurde auch nicht akzeptiert, dass wir unseren Ruhebereich wollen: Wir wollen uns umziehen, da sollen keine fremden Leute rumstiefeln. Ein Gefühl braucht keine Armee. Wenn das jemandem in der Crew unangenehm ist, dann gibt’s da keine Diskussion. Eine Frau, die ihren Rückzug braucht, was ist die? Eine Diva. Und was ist ein Mann, der einen Rückzug braucht? Dafür gibt’s keinen Namen. Das ist unser System, wir behandeln auch Kinder so: "Ach, stell dich nicht so an". Das ist aber übergriffig. Ich wünsch mir, so zu sein wie meine Oma Edith, die wäre einfach aufgestanden und hätte ganz freundlich gesagt, Entschuldigung bitte, sie sind gerade allen Leuten im Raum sehr unangenehm, ich möchte Sie bitten, dass Sie rausgehen. Und ich übe das jetzt.

Sie sind in der ehemaligen DDR geboren, die hatte eine Liedermacher-Tradition - hat sie das auch geprägt?

Ja, auf jeden Fall. Eines meiner größten Vorbilder ist Gerhard Schöne, der hat eine ganz besondere Art gehabt, Lieder zu schreiben, zum einen waren das Lieder für alle, Kinder und Erwachsene. Zum anderen hatte er immer eine besondere Poesie, die gewisse politische Brandthemen umgehen musste und gleichzeitig Meinung und Haltung haben sollte. Da muss man natürlich sehr gut sein, um Songs zu schreiben, die da in diesen schmalen Spalt reinpassen. Auch Bettina Wegner und Wolf Biermann - ich spiel sogar eine Gitarre, die Biermann gehört hat. Damit habe ich den Protestsongcontest gewonnen. Mein Vater hatte ja auch eine Musikkarriere mit einer Punk-Ostrockband, die ist nach der Wende total abgeschmiert, das hat niemanden mehr interessiert, die Plattenfirmen sind pleite gegangen. Dann hat er Schlager gemacht und ist total unglücklich geworden. Und dann ist er wieder Elektriker geworden. Ich finde immer noch, dass man als Mensch zweiter Klasse behandelt wird, wenn man aus der ehemaligen DDR kommt, es gibt immer noch so ein komisches Herablächeln. Das ist echt ätzend.