"Diese Zeit ist nicht leicht, doch sie geht vorbei, ich zähl auf Dich, du zählst auf mich. Oh, stand, stand by me!" Das sind die letzten Zeilen, die Willi Resetarits live gesungen hat. Samstagabend stand die Musiker-Legende bei der 28. Auflage des Wiener Flüchtlingsballs mit Freunden und Weggefährten um 23.45 Uhr auf der Bühne, um das Balllied 2022 zu intonieren. Zur Musik von "Stand by me" wurde im Festsaal des Wiener Rathauses ein Text über Menschlichkeit und Hilfe für Menschen auf der Flucht gesungen. Musiker aus Afrika, dem Nahen Osten aus Österreich, mit und ohne Migrationshintergrund sangen gemeinsam mit dem ebenso bunt zusammengewürfelten Publikum. Die Stimmung war großartig. 

Und jetzt ist Willi Resetarits nicht mehr unter uns. Das Integrationshaus, dessen Gründungsvater Resetarits war und dessen Spiritus Rector er bis zuletzt geblieben ist, gab am Sonntagnachmittag bekannt, dass der Musiker tödlich verunglückt ist. 

Willi Resetarits 2011 während eines Konzertes in Wien. 
- © APA/GEORG HOCHMUTH

Willi Resetarits 2011 während eines Konzertes in Wien.

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Mit seinem Alter Ego Ostbahn Kurti, der später zum Kurt Ostbahn reifte, schuf Willi Resetarits Mitte der 1980-er-Jahre gemeinsam mit dem genialen Texter Günter Brödl eine Kunstfigur, die die musikalische Landschaft hierzulande prägen sollte, wie kein ein anderer Musiker österreichischer Prägung zu jener Zeit. Mit Austropop hatte der Kurtl nichts gemein. Dreckigen, ehrlichen Rock and Roll schnalzten Ostbahn Kurti und seine Band die Chefpartie auf Platte und Bühne. 1985 gab es das erste Konzert vor 600 Leuten im 300 Personen fassenden Schutzhaus am Schafberg. 

Willi Resetarits hielt noch am Samstag, 23. April 2022, die Eröffnungsrede beim Flüchtlingsball. 
- © Ursula Jäckel

Willi Resetarits hielt noch am Samstag, 23. April 2022, die Eröffnungsrede beim Flüchtlingsball.

- © Ursula Jäckel

"Das Brummen, das Krachen, das Dröhnen. Die Groove, die Kraft, der Witz. Das Pathos der unbestreitbaren Gefährlichkeit. Das Laute im Leisen. Tempo, Entschlossenheit, Grobschlächtigkeit, Wucht", beschreibt der Autor Christian Seiler in seinem Booklet zur Gesamtausgabe der Ostbahn-Werke die Musik der Anfangstage der Legende. Zu der trug auch der Kurtl-Schmäh bei, den Resetarits bei seinen Conferencen zwischen den Songs kultivierte. Längst kennt jeder Kurtologe, wie sich die eingefleischten Fans nennen, die Geschichte von der Entstehung des Favorithm an Blues in der Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung des King Karasek. 

Die Macho-Attitüde des Vorstadtrockers hat Willi dem Kurtl im Lauf der Zeit entzogen. "Wo WaLuLiSo, Baron Karl, der liebe Augustin asexuell zu sein haben und Anatol höchstens Kavalier und Gentleman, ist Kurt Ostbahn – dieser Archetyp des urbanen österreichischen Mannes – ungezügelt sexy", resümiert die Psychotherapeutin Rotraud A. Perner im 2004 erschienenen Band "Kurt Ostbahn" über jene wilde Zeit der Anfangsjahre. 

Willi Resetarits war aber schon vor dem Kurtl ein anerkannter Musiker. Mit der Band Die Schmetterlinge war er in den 1970-er-Jahren äußerst erfolgreich. Schon damals zeichnete sich ab: Kunst ist politisch und Musik ist weltoffen. Mit der "Proletenpassion" nahmen die Schmetterlinge 1976 an den Wiener Festwochen teil, im Jahr darauf, etwas weniger erfolgreich, mit "Boom Boom Boomerang" am Song Contest (Platz 17.) 

1976 gehörte der Musiker zum Kreis der Arena-Besetzer, die für eine selbstverwaltete Kulturszene kämpften. 

Nach den wilden Anfangsjahren wurden beim Kurt Ostbahn auch stillere Töne angestimmt. Noch immer großteils aus Cover-Nummern amerikanischer Musiklegenden gestrickt, schlichen sich immer mehr Country- und Tex-Mex-Songs in die Alben. Für Radio Wien spendete er allwöchentlich Trost und Rat in der gleichnamigen Sendung. 

"Ostbahn lebt" war schon zu Beginn ein Slogan, der sich bis heute weiterzieht und genauso auf den Fan-T-Shirts prangt wie "Leiwaund Oda Oasch". 

Am 10. Oktober 2000 war die Ostbahn-Welt plötzlich eine andere. Günter Brödl, der Erfinder der Kunstfigur und Schöpfer aller Ostbahn-Texte, war unerwartet verstorben. Und das Projekt Ostbahn mit ihm. Postum wurden noch zwei Studioalben veröffentlicht. 2003 zog Willi Resetarits mit Musikern der Chefpartie, der Combo und Gaststars durch die Lande - die Abschiedstournee, die am 31. Dezember 2003 mit dem tränenreichen "Letzten Walzer" im Wiener Orpheum endete. 

Auch wenn sich Kurt Ostbahn ab und an mit Live-Konzerten auf der Kaiserwiese im Prater (und anderen Locations) aus der Pension zurückmeldete, war Willi Resetarits musikalisch schon längst auf einer anderen Reise. Etwa mit Stubnblues, einer Mischung aus kroatischen und deutschen Volksliedern mit englischsprachigem Rhythm’n’Blues, Wienerliedern und vertonten Gedichten, etwa von H.C. Artmann. Resetarits musizierte auch mit Ernst Molden und vielen anderen zeitgenössischen Künstlern aus aller Welt. Sein letztes Album "Elapetsch" veröffentlichte er im Oktober 2021 mit dem Stubnblues.  "Wenn man ein Bewusstsein dafür kriegt, dass die Tage gezählt sind, intensiviert das das Leben. Man kriegt ein Gefühl, dass man sich nicht verzetteln muss, indem man allzu viele ungeliebte Tätigkeiten aus Pflichtbewusstsein macht, sich quält und dann missmutig ist", so Resetarits in einem APA-Interview. "Elapetsch, Tod" heiße, dem Tod eine lange Nase zu drehen. "Dahinter schwebt: Dem Tod durchaus gefasst ins Auge blicken" und "es leicht nehmen" mit der Vergänglichkeit. 

Resetarits setzte sich Zeit seiner künstlerischen Laufbahn stets für sozial Benachteiligte ein. Er war Mitbegründer von Asyl in Not uns SOS Mitmensch und Gründer des Wiener Integrationshauses. Er selbst stammt aus einer kroatisch-sprachigen Familie im Südburgenland und  lernte – nach eigenen Angaben – erst später, mit dreieinhalb Jahren in Wien, Deutsch zu sprechen. Seine Brüder Lukas und Peter legten ebenfalls erstaunliche Laufbahnen als Kabarettist beziehungsweise Journalist hin.  

Willi Resetarits verstarb an Sonntag. Er hinterlässt zwei erwachsene Kinder. 

Sein umfangreiches musikalisches Werk bleibt. Ebenso sein Rat, den er den Fans bei wohl jedem seiner Konzerte als Ostbahn Kurti mitgegeben hat: "Seid’s vuasichtig und losst’s eich nix gfoin!"