Laut heimischem Strafgesetzbuch handelt es sich dann um Diebstahl, wenn eine Person einer anderen eine fremde bewegliche Sache wegnimmt und dabei ein Zueignungs- und Bereicherungsvorsatz vorliegt. Klarerweise bezieht sich das Kremser Donaufestival mit seinem diesjährigen Motto "Stealing The Stolen" aber nicht auf den gemeinen Handtaschlräuber aus der Fußgängerzone oder auf Eierdiebe und andere Nesträuber, deren Gegenüber zum Federnlassen gezwungen ist. Nein, die heuer zum fünften Mal von Intendant Thomas Edlinger verantwortete Veranstaltungsreihe beschäftigt sich wie gewohnt entlang der Sparten Musik, Performance und Kunst sowie mit Talks und einem eigenen Reader mit dem zuletzt wieder aktuellen Thema der kulturellen Aneignung.

Vor kurzem mit einer Debatte im Fridays-for-Future-Umfeld über die (Un-)Möglichkeit, als junge weiße Frau Dreadlocks zu tragen, wieder entbrannt und in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, tauchte der Begriff im Cultural-Studies-Milieu bereits ab den 1970er und 1980er Jahren auf. Der im Vorjahr verstorbene US-Autor Greg Tate etwa formulierte es in seinem 2003 erschienenen Buch "Everything But the Burden: What White People Are Taking From Black Culture" so, dass Weiße sich zwar reichlich bei schwarzen Kulturen bedienten, ohne dabei freilich von der Diskriminierung betroffen zu sein, die damit einhergeht, schwarz zu sein.

Referenzhölle, Baby!

Leider verkam die grundsätzlich interessante Diskussion über Aspekte von Ethik und Macht zuletzt zu bizarrer Identitätspolitik. Nicht nur im Fall der katalanischen Sängerin Rosalía etwa, der noch vor der Genese ihres aktuellen Alles-mit-allem-Albums "Motomami" vorgeworfen wurde, mit ihren Flamenco-Neudeutungen das geistige Eigentum der spanischen Roma zu bestehlen, wurde auf einen Umstand gut und gerne vergessen: Nirgendwo sind das heitere Zitieren, die lustvolle Aneignung und das Wuchern auf fremdem Terrain als Reibung, Ergänzung und Annäherung so weit verbreitet und wesensimmanent wie in der Popkultur. Referenzhölle, Baby - und Zusammenhänge verstehen: Spätestens seit Erfindung der Sampling-Technik und dem Auftauchen der Remix-Kultur kann im Diskurs angeführt werden, dass auch kulturelles Eigentum womöglich nur Diebstahl ist. Wobei wir auch schon beim konkreten Blickwinkel des Donaufestivals wären, das diesbezüglich ganz auf den Begriff der Gegenaneignung setzt.

Reicht in Krems am 30. April aus ihrem überbordenden audiovisuellen Vierfachstreich "Kick II" bis "Kick IIIII": Arca. 
- © Unax La Fuente

Reicht in Krems am 30. April aus ihrem überbordenden audiovisuellen Vierfachstreich "Kick II" bis "Kick IIIII": Arca.

- © Unax La Fuente

Nach pandemiebedingter Absage des Jahrgangs 2020 und einer Herbstrunde im Jahr darauf kehrt die Veranstaltung nun zu ihrem Stammtermin im Frühling zurück. An zwei verlängerten Wochenenden und insgesamt sechs Spieltagen wird zwischen 29. April und 1. Mai sowie von 6. bis 8. Mai ein reichhaltiges Programm geboten, das nicht zuletzt diverse Entdeckungen ermöglicht, aber auch mit Zugpferden lockt. Letztere vertreten etwa durch Soap&Skin, die dem Festivalmotto entsprechend unter dem Titel "In Sheep’s Clothing" Fremdmaterial interpretiert (29.4.), die venezolanische Produzentin Arca (30.4.), die ihren überbordenden audiovisuellen Vierfachstreich "Kick II" bis "Kick IIIII" erstmals live in Österreich vorstellt (30.4.) sowie Savages-Sängerin Jehnny Beth als Solo-Act (7.5.) und den US-Rapper Ishmael Butler alias Shabazz Palaces (1.5.).

Gestohlene Erinnerung

Davor, dazwischen und danach sorgt die aus London stammende Sängerin Tirzah mit ihrem aktuellen Album "Colourgrade" für spröde Sinnlichkeit (29.4.), während ihr Landsmann Tom Heyes alias Blackhaine auf Furor setzt (1.5.). Nicht nur von seinem von Afrobeat-Begründer Fela Kuti geborgten Künstlernamen her passt außerdem Fehler Kuti (29.4.) gut ins Programm, der als Julian Warner auch Teil der diesjährigen Performance-Schiene ist (siehe unten).

Kevin Martin alias The Bug präsentiert sein Vorjahresmeisterwerk "Fire" (6.5.), der New Yorker Komponist William Basinski seinen Gravitationswellen-Ambient (8.5.), und unter dem Titel "Rhizomes" gibt es ebenfalls zum Abschluss am 8.5. ein Auftragswerk des Pariser Künstlers Aho Ssan auf den Spuren des postkolonialen Theoretikers Édouard Glissant zu erleben.

Dass es eine Schweinerei ist, wenn einem auch noch Träume und Erinnerungen gestohlen werden, erklärt wiederum Leyland James Kirby alias The Caretaker (7.5.), dessen Arbeit im Spannungsfeld von Musik und Gedächtnis auch das harte Thema Demenz nicht ausspart.

Julian Warner ist am Donaufestival nicht nur mit der Performance "The Kriegsspiel" vertreten, er steht auch als Musiker unter seinem Alias Fehler Kuti auf der Bühne. 
- © Gerald von Foris

Julian Warner ist am Donaufestival nicht nur mit der Performance "The Kriegsspiel" vertreten, er steht auch als Musiker unter seinem Alias Fehler Kuti auf der Bühne.

- © Gerald von Foris