Beinahe hätte man sich um Rammstein Sorgen gemacht. Zur Bewerbung ihres jetzt also erscheinenden neuen Albums mit dem Titel "Zeit" hat die deutsche Band keine Vorabsingle ausgekoppelt, mit der der Verfassungs- oder/und Jugendschutz bemüht worden wäre. Kein Musikvideo zwischen zeitgeschichtlich gestimmten Reenactments in schicken KZ-Outfits, kein heimlicher Pornodreh mit Sänger Till Lindemann im Separee eines Bordells, das man sich wieder nur auf einschlägigen Webportalen, die man natürlich nicht einmal vom Namen her kennt, oder im Darknet hätte ansehen können.

Nein. Mit dem Titelstück "Zeit", dargebracht anfangs zu gedämpft-verhaltener Klavierbegleitung und letztlich als mit vollem Geschütz auffahrende Endzeitballade samt über den Styx lockendem Todeschor, hat die Band diesmal nicht nur nicht provoziert, sondern ein Stück ... ja, zur Zeit vorgelegt. Das Musikvideo mit seiner zappendusteren Erzählung von Krieg und Flucht, veröffentlicht nur zwei Wochen nach dem russischen Frontalangriff auf die Ukraine, kam zu einem schlechten, einem sehr schlechten Zeitpunkt. Aber es kam im richtigen Moment.

Rammsteins - wie sagt man noch gleich? - Frontmann Till Lindemann deklamiert dabei recht nachdenklich und wie auch im Weiteren so oft in den elf neuen Liedern über das Thema Vergänglichkeit, sowie über Verluste und den sich auf leisen Sohlen langsam anschleichenden Feind Hein. Der nimmermüde Gevatter ohne Humor, aber mit Sense, er schläft nicht. Und ob man es glaubt oder nicht, er macht, einstweilen in Gedanken, auch vor einem Klotz von Mann nicht halt, der wie Lindemann in seiner Erscheinung als Hulk aus dem deutschen Wald so robust und unverwüstlich erscheint wie eine lange schon in der deutschen Kulturlandschaft herumstehende, Blitzschläge, Hagel und sauren Regen zur Kenntnis nehmende Eiche - oder ein Kruppstahlwerk, das man mit einem erdbebensicheren und selbst Atomkriegen trotzenden Gehäuse ummantelt hat. Aber frage nicht, auch dieser Mann kommt mitunter ins Sinnieren: "Dem Ende treiben wir entgegen / Keine Rast, nur vorwärts streben / Am Ufer winkt Unendlichkeit / Gefangen so im Fluss der Zeit / Bitte bleib steh’n, bleib steh’n / Zeit / Das soll immer so weitergeh’n."

Sorgen um die Band muss man sich aber auch auf dem Album selbst machen, das gleich mit einem Dreierziegel eröffnet, in dem es recht gedämpft und nachdenklich zugeht. Neben dem Titelstück ist dabei mit "Schwarz" auch eine düsterromantische Ode an die Nacht mit im Hintergrund geschmettertem weiblichem Pathosgesang im Stile Ennio Morricones zu hören, die dem Tageslicht nichts Gutes wünscht: "Der Sonnentod ist mir Vergnügen ..." Und gleich zum Auftakt mit "Armee der Tristen" inklusive mächtig unter Strom stehender Riffs und eines Nine-Inch-Nails-Zitates geht es ohnehin darum, im Gleichschritt Richtung Unglück zu marschieren.

Glücklicherweise wachen Rammstein dann zwischendurch aber noch auf und liefern zumindest ein paar neue Geschmacklosigkeiten. Bei einem Song namens "Giftig" etwa dürfte es sich um den Beitrag der Band zum in der zeitgenössischen Popmusik seit einiger Zeit ziemlich angesagten Thema toxische Beziehungen handeln. Zu grimmigem Metal-Stakkato singt Till Lindemann dabei sinngemäß, dass in diversen Habitaten und Revieren, die jetzt nicht zwangsläufig der deutsche Wald, sondern etwa auch das Amazonas-Becken oder die Serengeti sind, zwar die tödlichsten Viecher herumkreuchen und -fleuchen, die eigentliche Gefahr aber doch deutlich näher ist. Sie liegt neben uns, im eigenen Bett! "Du bist giftig, ach so giftig / Gestochen, als ich schlief / Und der Stachel steckt so tief."

Plastische Chirurgie

Ein Song wie "Meine Tränen" vertieft den Eindruck, Rammstein thematisierten hier auch toxische Weiblichkeit, ein Stück wie "Dicke Titten" liefert Till Lindemann dann aber schon recht bald einen Grund dafür, sich dem Weibe doch wieder anzunähern. Im mit einer in Richtung Schlager gedeuteten Metalpop-Spielart auf zünftiger Blasmusikbasis heißt es dazu in bester, allerdings teutonisch-geil mit jodelnder Lederhose in Richtung Bierzelt auffrisierter EAV-Manier: "Sie braucht mich nicht mit Trauben laben, sie muss nur riesen Titten haben."

Dazwischen hört man Songs über Sex ohne Kondom sowie das Stück "Angst", das uns dunkel an eines erinnert: In fernen Zeiten lange vor Erfindung der Cancel Culture haben wir alle einmal eine rechte Gaudi mit dem damals in Kindergartenkreisen beliebten Spiel "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?" gehabt. Wir haben dabei allerdings eher an den Bürgermeister gedacht.

Ach ja, bevor Till Lindemann in "Lügen" noch auf Autotune zurückgreifen wird und Rammstein mit "Adieu" am Ende Spekulationen befeuern, es könnte sich bei "Zeit" nicht nur um ihr achtes, sondern auch um ihr letztes Album handeln - obwohl sich auch dieser Song unüberhörbar mit dem Banklreißen beschäftigt -, widmet sich die Band mit "Zick Zack" auch noch den Errungenschaften und Abgründen der plastischen Chirurgie. Im Video mit Botoxmasken und Gummibootlippen zur Kenntlichkeit entstellt, grüßen dabei einmal mehr Thomas Spitzer und Klaus Eberhartinger im Geiste: "Zick-zack, zick-zack, schneid es ab / Zick-zack, zick-zack, kurz und knapp / Bauchfett in die Biotonne / Der Penis sieht jetzt wieder Sonne."