Dass sich die Arena letztlich doch ansehnlich gefüllt hatte, obwohl es "fucking freezing" war, konstatierte Sänger Alex Kapranos am Anfang des Open-air-Auftritts von Franz Ferdinand mit Dank und Zufriedenheit. Als er und seine vierköpfige Begleitung ein populistisches Programm, viel Publikumsanmache und eineinhalb Stunden später von der Bühne abtraten, war die Menge auch ordentlich auf Betriebstemperatur. Ein Arbeitssieg sozusagen.

Eröffnet hatte den Abend Ryder The Eagle, ein gebürtiger Franzose, der in Mexiko lebt, sich aber ganz und gar in das versenkt, was man Americana nennt: Staubige Highways, billige Absteigen und schäbige Bars bilden die imaginäre Kulisse für bisweilen tatsächlich ergreifende Herz-Schmerz-Szenarien in der Tradition großer US-Tragöden von Roy Orbison bis Chris Isaac. Einer seiner Schlüsselsongs, "The American Dream", handelt von seiner Scheidung, unter der der Adler noch immer leidet. "Leute scheinen es ungemein witzig zu finden, wenn ich von meiner Scheidung rede", beschwerte er sich. "Ich schätze, niemand hier hatte eine Scheidung, und wenn, dann eine glückliche."

Nicht das letzte Hemd

Sein Drama performte der (anfangs jedenfalls) in einen weißen Anzug gewandete Ryder The Eagle mit instrumentalem Vollplayback, dafür unter höchstem Körpereinsatz, indem er manisch über die Bühne rannte, robbte und trotz der ungemütlichen Außentemperaturen sein letztes Hemd gab.

Er werde sein Hemd nicht ausziehen, verkündete Alex Kapranos dann, als die Reihe an Franz Ferdinand war. Immerhin aber wärmte er sich mit athletischen Luftsprüngen und agiler Motorik so weit auf, dass er sich bald seines stylischen Glitzer-Jackets entledigen konnte.

Franz Ferdinands 2022er-Tour steht im Zeichen ihres jüngsten Albums "Hits To The Head". Dieses ist genau das, was der Titel verspricht, nämlich eine Sammlung von Hits, und befreit die Auftritte somit apodiktisch von jeglichen "experimentellen" Kinkerlitzchen und Novelty-Ansprüchen. Will heißen, es gibt außer Hits nur Hits: Das "superfantastische" "Darts Of Pleasure", "Take Me Out" natürlich, "The Dark Of The Matinee", "Michael", "Walk Away" bis zu "Always Ascending", dem Titelsong des letzten regulären FF-Studio-Albums von 2018. Zwei Songs der "Hits To The Head" waren bislang unveröffentlicht: Das einprägsame "Billy Goodbye" dürfte wohl aus der Frühzeit der Band stammen, während "Curious" in die stärker Disco- und House-beeinflusste Richtung von "Tonight: Franz Ferdinand" (2009) und "Always Ascending" weist. Als Draufgabe wurde in der Arena noch "Jacqueline", der Opener des vielfach als wegweisend eingestuften ersten Franz-Ferdinand-Albums von 2004, gespielt.

Live-Werkkatalog

Eine Tour also als live gebotener Werkkatalog einer Band. Das ist zum einen dank des exzellenten Repertoires natürlich ein Selbstläufer. Zum anderen offenbart es so ungewollt wie gleichsam systemimmanent aber auch ein Problem: Denn irgendwo haben Franz Ferdinand ein wenig ihren Fokus verloren, nachdem sie mit ihrem Debütalbum Maßstäbe gesetzt hatten, indem sie Tanzmusik mit Rock-Instrumentarium spielten.

Dieses ursprünglich recht stringente Konzept ist im Laufe der Zeit durch Einflüsse aus verschiedenen Richtungen, vor allem aus Power- und Kunstpop, erweitert, allerdings auch leicht verwässert worden. Bei "Always Descending", das mit den prominenten Synthies den Dance-Appeal auf formal veränderte Weise fokussiert, wird eine gewisse Ratlosigkeit bezüglich der weiteren Wegrichtung spürbar. Dazu kommt, dass Umbesetzungen nicht spurlos an der Band vorüber gegangen sind: Insbesondere mit dem Ausstieg des sound- und stilprägenden Gitarristen Nick McCarthy ist einiges an Formstrenge gegen Rockismus ausgetauscht worden.

Bei alledem ist Franz Ferdinand freilich zu konzedieren, dass sie nie als Verwalter ihres Repertoires, sondern immer auf höchster Intensitätsstufe agieren. Wie sie etwa im Zugabenteil "This Fire" herunterbretterten, hatte schon etwas Faszinierendes.