Frauen am Bass sind nach wie vor eine Seltenheit. Umso spannender ist der kometenhafte Aufstieg der jungen polnischen E-Bassistin Kinga Glyk. Auslöser: ein YouTube-Video mit ihrer lässig im Schneidersitz gespielten Version von Eric Claptons "Tears In Heaven". Mit ihrer fabelhaften Fingerfertigkeit und ihrer intuitiven Begabung für ihr Instrument beeindruckt die Tochter eines Jazzmusikers und gilt inzwischen als "Wunder am Jazzbass". Bei ihren Auftritten bewegt sich die 25-Jährige mit ihrer Band in einer stimmigen Melange aus Fusion-Jazz, Funk und Pop. Die "Wiener Zeitung" traf die Künstlerin in München.

"Wiener Zeitung": Frau Glyk, warum haben Sie ausgerechnet Bass gewählt? Wie kam es dazu?

Kinga Glyk:Ich wusste schon immer, dass ich Bass spielen wollte. Als ich ein Kind war, stand ich vor dem Radio und tat so, als wäre ich Bassistin. Ich liebe den vollen Sound und dass ich Melodie und Begleitung gleichzeitig spielen kann. Als ich ungefähr zehn Jahre alt war, fragte ich meinen Vater, ob er mir einen kleinen Bass besorgen könnte. Ich wollte dieses Instrument unbedingt ausprobieren. Er sagte: "Bist du sicher, dass Bass das Instrument ist, das du spielen möchtest? Mädchen spielen Klavier, Geige oder Gitarre oder sie singen. Aber sie spielen keinen Bass." Ich sagte nein. Ich bin mir sicher, dass ich Bassistin werden möchte (lacht). Aber dann war er wirklich glücklich, weil er mit mir Schlagzeug spielen konnte.

Wann standen Sie zum ersten Mal auf der Bühne?

Mit zwölf spielte ich schon in unserer Familienband "Glyk P.I.K. Trip". Wir sind mit unserem Trio in ganz Polen in Clubs aufgetreten. Ich glaube inzwischen, das war ein toller Anfang für mich und eine großartige Erfahrung, diese Gelegenheit zu haben. Ich war glücklich, mit meinem Vater und meinem Bruder zusammen zu sein. Ich fühlte mich wohl und sicher. Ich habe einfach improvisiert. Zusammen haben wir mit dieser Familienband auch eine CD aufgenommen. Als ich 18 war, habe ich angefangen, meine eigene Gruppe zu gründen. Aber wir haben noch unser Trio. Mein Vater ist mein Manager. Und mein Bruder Patryk, der auch Tontechniker ist, begleitet mich auf jeder Tour.

Wie haben Sie spielen gelernt?

Ich war nie auf einer Musikschule. Mein Vater, der ja Jazzmusiker ist und Vibraphon und Schlagzeug spielt, hat zuhause viel mit mir geübt. Ab und zu hatte ich Privatunterricht. Inzwischen lerne ich zusätzlich über das Internet. Heutzutage gibt es so viele Lektionen und Übungsbücher im Netz. Außerdem kann ich immer zu meinem Vater gehen, wenn ich Fragen habe.

Haben Sie eine besondere Chemie, wenn Sie mit Ihrem Vater spielen?

Er ist wahrscheinlich die einzige Person, bei der ich immer weiß, was er spielen wird. Er kennt mich sehr gut, also fängt er meine Ideen auf, wenn wir auf der Bühne stehen. Ich denke, das ist die Kraft von Bands, die ihr ganzes Leben lang zusammen spielen. Sie kennen sich gut und sprechen die "Sprache" des anderen.

Auf welches Instrument hören Sie, wenn sie auf der Bühne stehen, hauptsächlich?

Die Bassdrum und das liegt an meinem Vater. Er sagte mir immer: "Du musst auf die Haupttrommel hören". Bass und Schlagzeug sollten zusammen eine Einheit bilden. Wenngleich der Bass, meiner Meinung nach, das Herz der Band ist.

Wie ist es, jetzt plötzlich die Chefin zu sein?

Naja, in meinem Quartett bin ich der Boss, das stimmt. Es ist nicht unbedingt leicht. Aber ich mag es. Obwohl es manchmal schon ein großer Druck ist und eine Verantwortung, die man trägt. Ich muss mit Vorschlägen, die ich von meiner Live-Band bekomme sicher umgehen können. Es ist eine Herausforderung, für die ich dankbar bin. Dass mich der großartige Pianist Pawel Tomaszewski am Keyboard begleitet, der auch mein aktuelles Album "Feelings" produziert hat, freut mich besonders.

Wer sind einige Ihrer Einflüsse?

Jaco Pastorius, der in den 1970er Jahren eine Vorreiterrolle in Jazz und Fusion einnahm, ist mein großer Bass-Hero. Für mich hat er mehr als nur einen Sound kreiert, er schuf etwas Spirituelles. Musik bedeutete bei ihm nicht nur Noten, schnelle oder langsame. Er drückte den Zuhörern gegenüber ein bestimmtes Gefühl aus. Und das möchte ich auch. Mehr als nur Klänge produzieren, sondern meine Feelings vermitteln. Ich bin traurig, dass er nicht mehr lebt. Es ist so speziell und besonders. Manchmal vermisse ich die Energie und Klangmagie aus dieser Zeit. Der revolutionäre Musiker, spielte einen bundlosen Bass, den berühmten Fender 1962er, bei dem er die Bundfräsungen mit Holzkitt aufgefüllt und den Hals dann mit mehreren Schichten Bootslack überzogen hatte. Momentan ziehe ich noch den vierseitigen Bass vor. Wenn ich gut genug bin, wechsle ich auf fünf. Ich habe schon einen bundlosen Bass zuhause. Aber ich spiele ihn nicht auf der Bühne. Ich übe viel damit. Doch ich möchte perfekt sein, bevor ich damit vor Publikum auftrete.

Wie sind die Songs Ihres Albums entstanden?

Der wichtigste Aspekt dabei ist für mich der Rhythmus. Ich glaube, dass man die Aufmerksamkeit der Leute vor allem durch einen guten Groove bekommt. Wenn der stimmt, kann ich die Menschen mit einer starken Melodie umso leichter berühren. Außerdem liebe ich es, Balladen zu komponieren. Ich brauche zum Komponieren keinen speziellen Raum. Es geht mehr darum, in der richtigen Stimmung zu sein. Ich improvisiere am Bass. Aber manchmal setze ich mich inzwischen auch ans Klavier, das ich mehr und mehr beherrsche. Denn das ist der beste Weg, um Harmonie und Wissen über Musik zu entwickeln und die Akkorde gemeinsam zu hören.

Die Slap-Technik setzte sich auf dem E-Bass in den 1970er Jahren vornehmlich in der Funk-Musik, aber auch im Fusion-Jazz durch. Wie gehen Sie damit um?

Das ist eines der auffälligsten und mächtigsten Werkzeuge im Arsenal eines Bassisten. Richtig eingesetzt, kann es einen guten Song zu einen fantastischen machen. Aber ich denke, es ist wichtig, zu wissen, dass Slap-Bass wie Mayonnaise ist: köstlich, wenn man es richtig anwendet, aber man kann es nicht einfach auf irgendetwas klatschen und es Abendessen nennen. Früher hatte ich sogar ein bisschen Angst davor. Weil ich dachte, dass ein Bass-Slapping-Held wie Larry Graham, Funk-Urgestein und Gründungsmitglied von Sly And The Family Stone, von dem es heißt, dass er das Slapping erfunden hat, unerreichbar ist. Inzwischen habe ich mich davon freigemacht und versuche, mich mit niemandem zu vergleichen. Wenn Bassisten Solos vor der Band spielen, ist es wichtig, dem Publikum verschiedene Techniken und Sounds zu vermitteln.

Bei Ihren Auftritten tragen Sie immer einen Hut. Warum?

Das ist eine lustige Geschichte. Eines Tages ging ich mit meiner Mutter in einen Laden. Ich wollte ihr ein Geburtstagsgeschenk machen. So kaufte ich ihr einen hellen Hut. Sie ist ziemlich scheu und traute sich nicht, ihn in unserem kleinen Ort zu tragen. Als ich später ein Konzert hatte, fragte ich sie, ob sie ihn mir leiht. Sie stimmte zu, und seither gehe ich nur noch mit Hut. Ich habe immer einen hellen und einen schwarzen dabei. Ich mag Hüte. Marcus Miller trägt auch einen. Aber ich habe mir das nicht von ihm abgeschaut.