Der griechische Komponist Vangelis ist am 17. Mai 2022 in einem Pariser Krankenhaus gestorben. Er war ein Pionier der elektronischen Musik, ohne sich auf einen Stil festzulegen.

Niemand kennt den Namen Evangelos Odysseas Papathanassiou. Erst wenn man den ersten Vornamen modifiziert, werden viele hellhörig: Vangelis. Und wer den Namen nicht kennt, der erkennt die Musik dieses Komponisten: "Das ist doch von dem. . . . - Wie heißt er? Keine Ahnung, aber das habe ich schon gehört." Vielleicht ist es wirklich der größte Ruhm eines Künstlers, eines Komponisten zumal, dass man seinen Namen nicht weiß, aber seine Musik kennt – und erkennt.

Vangelis also: Naserümpfend könnte man sagen, er habe elektronische Musik weichgespült, er habe Kitsch produziert, es sei nicht von Ungefähr gekommen, dass er mit seiner Musik Filme ausgestattet habe. Mag stimmen – und geht doch meilenweit am Wesentlichen vorbei.

Denn der am 29. März 1943 in der griechischen Kleinstadt Agria geborene Musiker hat einen unverwechselbaren Sound geschaffen. Einen Sound, bei dem man, selbst, wenn man ihn nur aus einem einzigen Film oder von einem einzigen Album kennt, sofort weiß: Das ist Vangelis.

Melodien mit Filmen

Hugh Hudsons "Chariots of Fire" – eindeutig Vangelis (und dafür 1982 mit dem "Oscar" ausgezeichnet).

Ridley Scotts "Blade Runner" – eindeutig Vangelis.

Oliver Stones "Alexander" – eindeutig Vangelis.

Viele der Unterwasser-Dokus von Jacques Cousteau – eindeutig Vangelis.

Ridley Scotts "1492 – Die Eroberung des Paradieses" – eindeutig Vangelis.

Überhaupt: Das muss ihm einer nachmachen! Wenn sich die Karavellen des Kolumbus der Küste nähern und über einem steten synkopierten Puls dieser dunkle Männerchor erklingt, sich aufhellt, und die Elektronik mit sanftem Hall einen Raum suggeriert, weit und unbekannt. Waren das Zeiten, als man die Hauptthemen von Filmmusiken im Ohr behielt und wusste: Die Melodie ist aus "1492", die ist aus "Alexander" (wenn der Adler fliegt). Manch eine Melodie von Vangelis wurde so bekannt, dass man sie, wie das Hauptthema von "Chariots of Fire" selbst dann gehört hat, wenn man den Film nie gesehen hat.

Es konnte sogar geschehen, dass die Musik eher im Gedächtnis blieb als der Film, um an "Missing" oder "Franziskus" zu erinnern.

Dabei war Vangelis keiner der Komponisten, denen die Musik gleichsam in die Wiege gelegt war. Ursprünglich wollte er Maler werden und studierte Malerei an der Akademie in Athen. Musik brachte er sich selbst bei – zuerst nur nebenher, doch die Musik wurde immer stärker.

Angefangen hat es in den 60er Jahren, als die fünfköpfige Band Forminx junge Griechen mit Songs wie "Jeronimo Yanka", "Love Without Love" und "Our Last September" hysterisch machte. Der junge Mann mit dem markanten Bart fiel besonders auf: Evangelos Papathanassiou. 1968 zog er nach Paris und schloss sich dort den griechischen Musikern Demis Roussos und Loukas Sideras an. "Aphrodite’s Child" nannte sich das Trio und feierte Erfolge. Vangelis komponierte die Musik zur LP "666", die Satanszahl war der Ausgangspunkt für einen Klassiker des progressiven Rocks.

Neue Klangerzeuger

1973 startete Vangelis seine Solokarriere. Er experimentierte mit elektronischen Klangerzeugern wie Fender Rhodes, Hammond-Orgeln und Synthesizern. "Chariots of Fire" war Pionierarbeit: die erste elektronische Filmmusik der Geschichte. Nachher war alles anders. Filmmusikkomponisten mussten sich entweder zu orchestraler Altbackenheit bekennen, oder den Umgang mit neuen Instrumenten lernen.
Um 2002 jedoch war es Vangelis, der den Weg zurück zum Orchester ging. 2002 komponierte er die Musik zur Fußball-WM in Korea und Japan. Und dann kam "Mythodea": Chor, Orchester, Pathos. Kitsch mag es sein, aber Kitsch mit Kraft. Auch der Zuhörer, der sich verweigern will, wird unwillkürlich hineingezogen in diese Klangwelt.

Im Alter fand Vangelis zu seiner ursprünglichen Berufung zurück: Er malte Ikonen. Dazu passt sein ganzer Lebensstil, den er auch in der Zeit seiner Erfolge gepflegt hatte: Er mied Partys und Glamour ebenso wie Interviews.

Als er dann der griechischen Zeitung "Kathimerini" 2019 doch einmal eines gab, erwies er sich als Skeptiker in Bezug auf Technik und musikalischen Fortschritt: "Die Avantgarde steckt nicht in den Instrumenten, sondern im Menschen", sagte er. "Sie können einen Satz oder eine mathematische Gleichung mit dem Finger in den Sand schreiben und denselben Satz oder dieselbe Gleichung auf einem modernen Computer tippen. Die Bedeutung wird genau dieselbe sein."