Dass es ausgerechnet mit dem Testbild losgeht, hätte man an sich ja eher nicht erwartet. Junge Leute können sich das heute gar nicht mehr vorstellen, aber früher kam das Testbild nach der Bundeshymne - und danach kam bis zum Aufstehen nichts mehr. Nicht einmal auf seinem Handy konnte man dann noch spielen oder niedliche Haustiervideos auf TikTok posten, weil das Handy noch gar nicht erfunden und das Telefon ein Standgerät im Wohnzimmer war, auf dem man ausschließlich telefonieren konnte - selbstverständlich in Anwesenheit der ganzen Verwandtschaft. Aber, ach ja, bei Dua Lipa in der mit 13.500 vom ersten Ton an begeisterten Fans bestens gefüllten Wiener Stadthalle geht es am Montagabend um 21 Uhr erst richtig los.

Fit mach mit

Zum Auftakt ihres Konzertes im Rahmen der pandemiebedingt dreimal verschobenen "Future Nostalgia Tour" mit insgesamt 90 Terminen turnt die ausgerechnet in Covid-Zeiten endgültig zu Weltruhm gelangte 26-jährige Sängerin im Verbund mit ihrem zehnköpfigen Tanzensemble gleich einmal das ganze "Fit mach mit"-Programm von Ilse Buck aus seligen alten FS1-Zeiten im Remix für jung-dynamische Influencerinnen rauf und runter. Uns selbst geht ja bereits vom Hinschauen die Luft aus, Dua Lipa aber legt zwischen ihrem Spezialgebiet, dem Singen und gleichzeitig Springen, gleich noch eine Extraeinheit ein und geht mit kämpferisch in Richtung Hallendecke gestreckter Faust auf die Knie. So lassen sich abseits der Muckibude und streng genommen während der Arbeit für gutes Geld schnell auch noch die Oberschenkel so richtig schön durchtrainieren.

Das Ganze geschieht vor diversen Umziehpausen zugunsten meist nicht minder waffenscheinpflichtiger Outfits wohlgemerkt in einschneidenden, also mindestens hautengen Bodysuits mit in Richtung Schlafzimmer geschneidertem Ausschnitt. "Who needs to go to sleep when I got you next to me?": Das erste Lied auf der Setlist heißt nicht von ungefähr "Physical" und hat, obwohl es in den kommenden rund 90 Konzertminuten in schweißtreibender Fußballspiellänge trotz diverser Weltraum- und Mondreisen auf der Videowall oder mit Dua Lipa wie einst in der Hochblüte von MTV auf einer Hebebühne zwischen aufblasbaren Gummiplaneten navigierend noch wiederholt nach Outer Space gehen wird, exakt nichts mit Physik zu tun.

"Vienna, are you with me? Make some noise!!" Stattdessen wird unter handelsüblichen Elektropopvorzeichen an den längst vergessen geglaubten gleichnamigen Spandexhosen- und Heimaerobic-Klassiker von Olivia Newton-John aus dem astronomisch weit entfernten Jahr 1981 erinnert, in dem ein Großteil des Publikums noch nicht einmal angedacht war. Die Zukunft ist auch nicht mehr, was sie niemals war: Irgendwie geht es sich allerdings trotzdem aus, dass Dua Lipa mit ihrem vor zwei Jahren veröffentlichten und heute beinahe zur Gänze gegebenen zweiten Album "Future Nostalgia", einem lose an Madonnas "Confessions On A Dancefloor" orientierten Wiedergang in Zeichen von Pop, House und Disco mit einmal Slapbass extra, im zeitgenössischen Mainstreampop State-of-the-Art-Status genießt.

Matratzensport

Bei "Physical" handelt es sich übrigens um einen Song über einen heißen Boy und wie auch später noch bei "Good In Bed" vor allem über gemeinsam absolvierte Trainingseinheiten im guten alten Matratzensport. Coole Sache, auch geil. Dazwischen etwas Heartbreak und zwei, drei Kampfansagen der Marke "You want a timeless song, I wanna change the game". Nicht zuletzt mit "Boys Will Be Boys", das Dua Lipa in einer angeschlossenen Remix-Version mit strammen Housebeats und artsy-fartsy Tanzchoreografie als Kitt hin zum Grande Finale kredenzt, setzt es ein Song gewordenes Stück weiblicher Selbstermächtigung - sowie mit Elton "Rocket Man" John auf der Videoleinwand und geschwenkter Regenbogenfahne bei "Cold Heart" den bei Dua Lipa auch immer wichtigen Hauch einer Pride-Parade.

Man könnte sich natürlich die Frage stellen, ob es den aufblasbaren Gummihummer auf der Bühne dann noch gebraucht hat. Das gilt allerdings auch für die eigens um die Welt geflogene "Live-Band" um einen mit eineinhalb als Solos getarnten Schmähparaden erheblich unterbeschäftigten Gitarristen. Die Stimmung in der längst im Luftballon- und Konfettiregen versunkenen Stadthalle sprach da jedenfalls bereits eine klare Sprache. Dua Lipa ist für junge Frauen der Popstar der Stunde. Und wie eine alte Showbusiness-Regel es so will, haben junge Frauen ausnahmslos immer recht.