Nennen wir es Kunstkontext: Bestimmte Popmusik kann sich auch außerhalb ihres quasi konstitutionellen Rahmens (Charts, Konzertsäle/Stadien, Plattensammlungen) gut machen: im Austausch mit visueller Kunst etwa, der von der musikalischen Deutung einer Videoinstallation bis zu kunstvollen Grafiken bei großen Popshows gehen kann.

Die Interaktion kann auch mit darstellenden Künsten funktionieren: Lambchop vertonten auf ihrer 2004er-Tour live Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilm "Sunrise"; Arto Lindsay und Peter Scherer unterlegten 1986 bei den Wiener Festwochen als Silhouetten hinter einer durchsichtigen Leinwand Oskar Kokoschkas Drama "Mörder, Hoffnung der Frauen" mit einem Live-Soundtrack.

Beschwörend

Interessanterweise haben auch Bilderbuch, die ja eine LP "Vernissage My Heart" betitelt haben, den interdisziplinären Austausch gesucht, insbesondere mit der von ihnen selbst co-kuratieren Ausstellung "Approximation by Bilderbuch", sind aber bei den "Kunstis" damit nicht so recht angekommen.

Gewissermaßen die Mutter der popmusikalischen Grenzüberschreitung war wiederum The Exploding Plastic Inevitable Mitte der 60er Jahre gewesen: ein Multimedia-Spektakel aus "experimentellen" Film-Einblendungen, grellen Lichtblitzen, Ausdruckstanz und der dazumal genuin avantgardistischen Rockmusik von The Velvet Underground unter Schirmherrschaft des Pop-Art-Pioniers Andy Warhol. Zwar durchschnitt VU-Songschreiber Lou Reed nach zwei Jahren die Bande zu Warhol (und dessen Gefolgschaft), aber er pflegte weiterhin die Kommunikation mit Literaten, Filmemachern oder Bühnenregisseuren wie Delmore Schwartz, Paul Auster, Wim Wenders, Jim Jarmusch oder Robert Wilson.

Auch Rosa Anschütz, 1997 in Berlin geborene Sängerin und Elektronikerin, die auch Trompete und Flöte spielt, agiert vor einem weit über Pop hinausreichenden Horizont. Schon ihr Studium der Transmedialen Kunst bei der Anfang dieses Jahres verstorbenen Lichtkünstlerin Brigitte Kowanz an der Angewandten in Wien belegt den Drang zur kulturellen Entgrenzung. Sie produziert Comics, Keramik, eindrucks- und ausdrucksstarke Videos und tritt bei avancierten Veranstaltungen wie dem Donaufestival auf.

Mit Velvet Underground verbindet sie übrigens eine gewisse vokale Ähnlichkeit mit der dort aktiv gewesenen, aus Köln stammenden Chanteuse Nico: Mit Akzent (meist) englische Texte fast tonlos und gleichzeitig beschwörend geben - das kann nämlich auch Anschütz ganz gut. Es ist auch dieser Gesang, die ihm immanente "Schrägheit", die ihr Alleinstellungsmerkmal ausmacht. Die darunter liegenden, elektronisch generierten musikalischen Texturen greifen indes auf durchaus vertraute Stilmittel zurück: Introspektive, melancholische Ambient-Nebel zogen durch Anschütz’ erste LP "Votive" (2020), während sich ihr neues, viel offensiveres Album "Goldener Strom" großteils tech-noid, von dynamischer maschineller Kraft befeuert gibt.

Meisterhaft vertrackt

Auf dem Cover zeigt sich Anschütz in blauem Kleid auf einem Stuhl exakt gleicher Farbe über den grau-braunen Wellen des Neusiedlersees sitzend, stellt sich also stilisiert als Insel dar. Im Titelstück spinnt sie den Faden fort: "Ich bin eine Insel geworden und bereue alles", proklamiert sie in einem Spoken-Word-Intro und singt dann zu einem treibenden Electro-Beat: "Und jetzt folge ich dem goldenen Strom / das liegt an dem dicken Wasser / hast du das Wasser aufgeraut?" Es geht also um ein halb freiwilliges, halb ohnmächtiges Sich-treiben-Lassen, zugleich vermittelt die Insel-Metapher aber den Willen, sich dem Spiel der Elemente nicht widerstandslos auszuliefern.

Auch Zeilen wie "Bite the hand that feeds you" exponieren solche Widersprüchlichkeit. Im meisterhaft vertrackten "Peak" wiederum präsentiert sich die Künstlerin "breaking through the channels of life". Die irgendwie agitiert anmutende Musik verbündet sich mit der dem Album wesensimmanent scheinenden Grundstimmung, dass Freiheit und persönliche Integrität nicht konfliktlos zu haben sind. Ruhigere Stücke wie das fast meditative "Sold Out" scheinen Momente des Innehaltens inmitten eines unruhigen Fließens zu gewähren. Inseln also auch sie.