Er ist Komponist, Maler, Sänger, Clown, Violinist, melancholischer Chansonnier - und noch vieles mehr: Herman van Veen zählt zu den beliebtesten und bekanntesten niederländischen Bühnenkünstlern. Scheinbar mühelos singt er sein Repertoire in fünf Sprachen. 1966 stand er zum ersten Mal auf einer Bühne - und seitdem reist er mit seinen Vorstellungen (im doppelten Wortsinn) rund um die Welt. Kaum ein niederländischer Musiker und Artist wird auf internationalen Bühnen so frenetisch empfangen und gefeiert wie der künstlerische Tausendsassa aus Utrecht.

Nach langer, pandemiebedingter Pause kommt van Veen mit seinem neuen Programm "Mit dem Wissen von Jetzt" in der kommenden Woche zu zwei Auftritten nach Österreich. Begleitet wird er bei den Konzerten u.a. von der Gitarristin Edith Leerkes, der Geigenspielerin Jannemien Cnossen, der Harfenistin Wieke Garcia und dem Bassisten und Keyboarder Kees Dijkstra.

Vor seinen Gastspielen in Österreich gab er der "Wiener Zeitung" dieses Interview.

"Wiener Zeitung": Sie stehen seit über 50 Jahren auf der Bühne und haben dabei immer auch gelebt - ist da irgendwann e i n Herman daraus geworden?

Herman van Veen: Da war kaum ein Unterschied, meine Auftritte sind immer autobiographisch.

Lief das nicht doch irgendwann auseinander, in "Leben" und "Arbeiten gehen"?

Nein, bei mir ist das so etwas wie ein weniger praktisches Weiterexistieren auf der Bühne.

"Die Unterschiede zwischen all den Städten, wo wir auftreten, sind enorm..." 
- © AFP / ANP / Robin Utrecht

"Die Unterschiede zwischen all den Städten, wo wir auftreten, sind enorm..."

- © AFP / ANP / Robin Utrecht

Vor vielen Jahren haben Sie ein gruseliges Lied gesungen über die Fiktion, dass Hitler den Krieg gewonnen hätte: "Wenn’s anders ausgegangen wär". Einiges im Ukraine-Krieg und in der Person Putin erinnert daran. Wie geht es Ihnen damit?

Das Gefährliche ist, dass wir nicht vorhersehen können, was geschehen wird, weil es keine Logik gibt. Mir scheint, dass eine ältere Welt, von der wir eigentlich dachten, dass wir etwas davon kapiert haben, erst jetzt stattfindet. Philosophisch gesehen, scheint es ein Streit zu werden zwischen der Vergangenheit und einer digitalen Welt, die keine Verbindung miteinander haben. Ich habe bei "9/11" gedacht: Das kann nicht wahr sein. Bei Brexit, bei Assad und bei Putin habe ebenfalls ich gedacht, das kann nicht wahr sein. Ich habe mich vier Mal geirrt.

Was macht das mit Ihrem Friedenswillen und der Zuversicht, die Sie früher hatten?

Ich bin 77 Jahre alt, bin im Zweiten Weltkrieg geboren, und es ist kaum fassbar. Mir wird heiß. Ich hab’ Angst. Das ist körperlich. Ich beschütze etwas, das viel zu groß ist. Und dass wir überrascht sind, ist erstaunlich. Es war ja offensichtlich, aber wir haben es nicht geglaubt.

Weil wir es nicht glauben wollten?

Ja, genau.

Etwas ganz anderes: Sie haben sehr großen Erfolg im deutschsprachigen Raum, also in Deutschland, der Schweiz und in Österreich, sind den Menschen dort sehr vertraut. Sind Sie ihnen auch Ihrerseits nähergekommen?

Die Unterschiede zwischen all den Städten, wo wir auftreten, sind enorm. Düsseldorf ist nicht Aachen, Aachen ist nicht Köln, Wien ist nicht Graz und Graz ist nicht Linz.

Mit dem Älterwerden wird man immer neugieriger, und man will etwa verstehen: Warum steht das eine Haus hier so - und das andere so. Dann fängt man an zu googeln, zu lesen und mit den Leuten zu reden. Neue Fragen zu stellen ist eigentlich am Älterwerden der schönste Prozess. Auf Fragen kommen Antworten, und in den Antworten verstecken sich schon wieder neue Fragen.

Als wir uns vor vierzig Jahren, im Rahmen eines Porträtfilms, zum ersten Mal begegnet sind, hat mich Ihre Firma "Harlekjin" sehr beeindruckt, mit der Sie etwas von Ihrer Wohlfahrt an junge künstlerische Talente weitergeben wollten. Einige sind weltberühmt geworden, wie etwa das Schönberg-Ensemble oder der Cembalist Ton Kopman. Was macht Harlekjin heute?

Die Firma ist jetzt 55 Jahre alt und betreibt ein kleines Kulturzentrum am Rande von Utrecht, ein Labor, in dem sich junge Künstlerinnen und Künstler aus Malerei, Musik und Schauspiel ohne Erfolgszwang ausprobieren können. Das Publikum finanziert das mit Spenden, sodass die Aufführungen gratis sind, und es gibt keinen Druck von Presse oder Kritik. Das ist wunderschön, und ich freu mich sehr, dass wir das tun können.

Gibt es in diesen Tagen noch etwas, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Na ja, was mich eigentlich zusammenhält, ist die Liebe, die man von der Familie, von Freunden, vom Publikum empfängt und erfährt. Und es ist die Natur. Was die Natur uns meldet, das lässt mich freuen. Solange man das sieht, haben wir eine Chance.