Schon drei Jahrzehnte setzt diese Band Akzente und fallweise auch Maßstäbe. Erste Insider-Aufmerksamkeit erlangten die Magnetic Fields in den frühen 90er Jahren, indem sie eingängigem Synthie-Pop durch Kurzschluss mit fernöstlichen Einflüssen einen eigentümlich neurotischen Drall verliehen. 1999 verewigten sie sich in der Pop-Geschichte mit dem Opus magnum "69 Love Songs", einem Drei-CD-Set mit je 23 Songs, die in einem weiten musikalischen Rahmen zwischen weltmeisterlichen Balladen, Folk, Synthie-Pop, Rock, vereinzelt sogar Jazz und klassischen Anleihen in ironischen, absurden, sarkastischen, gar nicht so selten auch kriminellen Szenarien das weite Land der Liebe vermaßen. Explizit wie nie zuvor betonte Sänger und Songschreiber Stephin Merritt darin auch seine Homosexualität.

"Befinde mich im Umbruch"

2017 folgte, nach einigen weniger beachteten, wenn auch nicht signifikant schlechteren Platten, wieder ein ehrfurchtgebietendes Monster in Form des Fünf-CD-Sets "50 Song Memoir", in dem Merritt jedem seiner damals 50 Lebensjahre einen Song widmete. Promotion-Interviews für diese musikalische Biografie brachten Merritt im selben Jahr erstmals nach Wien. "Mein Eindruck war, dass es wie Paris mit mehr Ornamentik an den Gebäuden aussieht. Noch besser waren freilich die Mehlspeisen", erinnert sich der wohlbeleibte Künstler, den die "Wiener Zeitung" in Stockholm erreicht. "Für dieses Mal freue ich mich auf die veganen Restaurants." Inflationär viele gibt’s deren nicht. "Mir genügt eines", versetzt Merritt trocken.

Das Theater Akzent ist als Schauplatz seines Wiener Konzert-Debüts am 9. Juni eine denkbar passende Spielstätte: Das p.t. Publikum erwartet ein getragener Konzertabend mit akustischer Gitarre-Ukulele-Keyboard-Cello-Instrumentierung sowie abwechselnden Gesangs-Einsätzen von Merritts Bass und der biegsamen Stimme von Shirley Simms. Schnelle, wendige, rhythmische Stücke, an denen das Repertoire der Magnetic Fields nicht arm ist, können nicht originalgetreu gegeben werden. Denn Merritt leidet an einer Überempfindlichkeit gegen laute Geräusche, und daher geht Schlagzeug überhaupt nicht: "Hätten wir Drums dabei, bräuchte ich eine Schallmauer, die mich davon isoliert. Nur für spezielle Anlässe wie zuletzt die 50 Song Memoir Tour leisten wir uns solche groß budgetierten Extravaganzen. Bei normalen Tourneen ist das nicht drin."

Nicht übrigens, dass man sich um das finanzielle Auskommen des Stephin Merritt Sorgen machen müsste: "69 Love Songs" verkaufte als Dreifach-Album recht ordentlich (Stand 2015 laut Wikipedia 83.000 Stück), dazu wurden die drei CDs auch einzeln in Summe rund 100.000 Mal veräußert. Und mit den Tantiemen aus Peter Gabriels Coverversion von "The Book of Love", einem der universalen Favoriten aus "69 Love Songs", konnte sich Merritt ein Haus in Los Angeles leisten. Dort residierte der langjährige New Yorker in den frühen Zehner-Jahren, ehe er wieder zurück in den Osten in ein Haus in Upstate New York zog. Von diesem (und wohl nicht nur vom Haus) trennt er sich jedoch Ende des Monats. Genaueres will er dazu nicht sagen, nur so viel: "Ich befinde mich im Umbruch."

Merritt, allerorts als einer der großen Songschreiber unserer Zeit anerkannt, hat sein kreatives Auskommen nie mit den Magnetic Fields allein gefunden. Er betreibt daneben noch The Sixths, die ausschließlich Vokalbeiträgen von Gästen vorbehalten sind, The
Gothic Archies, die er als "meine Bubblegum-Unit" bezeichnet, und die Future Bible Heroes, wo er nur die Texte schreibt. Beim Interview behauptet er - vermutlich ein Scherz, aber was weiß man - in Oslo eben eine weitere Band namens The Drunken Norwegians gegründet zu haben. Schlussendlich macht er Platten unter eigenem Namen, auf denen er als ausführendes Organ gar nicht dabei ist: Für den Regisseur Chen Shi-zheng hat er drei Soundtracks für Bühnenstücke komponiert, von denen eine Auswahl 2006 auf die bezaubernde Kompilation "Showtunes" fand, die selbst der in der Bewertung seiner Arbeit recht zurückhaltende Merritt als "unverdient unterverkauft" einstuft: "Vielleicht liegt es daran, dass es nie live promoted wurde. Man könnte zum 20. Jubiläum eine Tour damit machen: The Drunken Norwegians play ,Showtunes‘."