Dass es sich beim Nova-Rock-Festival im burgenländischen Nickelsdorf nicht ausschließlich um ein Musikfestival handelt, ist nun auch schon etwas länger bekannt. Eher hat man es im Grenzgebiet zu Ungarn zwischen glücklicherweise keinen Anrainern und der Autobahn mit einer großen Party zu tun, bei der das Musikprogramm zumindest eine Möglichkeit darstellt. Irgendwann im Laufe der Festivalzeit dürfte es auch dem ausgelassensten Drei-Tage-wach-Partytiger mit Hang zu Druckbetankung und Trinkspielen, also definitiv keinem Prosit der Gemütlichkeit, vor seinem Zweimannzelt dann doch zu anstrengend werden, sich ohne Unterstützung von außen noch einmal aufzubäumen.

Durch die Decke

Hallo, Musik ist nicht nur ein Kulturgut, sie macht auch munter! Vor allem, wenn man sich auf dem größten heimischen Festival für "rockige" Klänge befindet, auf dem man nie so genau weiß, ob man gerade die auf dicke Hose machende Doublebassdrum des Headliners beim Soundcheck hört oder doch das von einer Symphonic-Metal-Band aus der zweiten Reihe im Line-up sicherlich auch besungene mahnende Grollen des germanischen Donnergottes Thor, der sein erstes Gebot verkündet. Das erste Gebot des germanischen Donnergottes Thor steigt aus der Wasserpfeife in Rauchschwaden auf und lautet: Heast! Oida! Du sollst rocken!

Wie, was, rocken? Warum klingt es vor den Lautsprechertürmen dann gerade so verdächtig nach der Autodrombeschallung der Welser Messe 1993 und dem Eferdinger Feuerwehrgschnas ein Jahr später? Ach ja, zwecks Massentauglichkeit hat das Nova Rock irgendwann nicht nur begonnen, Lulubands wie heuer zum Beispiel Sportfreunde Stiller oder Mando Diao zu verpflichten - es soll Leute geben, die wollen das hören. Es hat mit der Erfindung des "Late Night Acts" als Ergänzung zum zünftigen traditionellen Abschluss-Frühschoppen mit Wendis Böhmischer Blasmusik (das Prosit der Gemütlichkeit, hier existiert es noch!) auch für eine Programmschiene gesorgt, bei der die Party endgültig im Stimmungsbereich einer nie endenden Maturareise durch die Decke geht.

Das passiert sehr oft vorgeblich ironisch, klammheimlich dann aber eh halb im Ernst: Nach David Hasselhoff, der EAV, auf jeden Fall Scooter und ein wenig auch Wolferl Ambros sind heuer schließlich und endlich die alten Eurodancegötter Haddaway und Dr. Alban an der Reihe: Bei "What Is Love" nicht tanzen und/oder mitsingen geht einfach nicht! Haben wir dazu nicht alle schon die größten uns bekannten Schlaftabletten und Spaßbremsen wie zum Beispiel uns selbst irgendwann auf einer halbseidenen Party zu gottloser Stunde über den Dancefloor schurln gesehen? Oh! Ja!

Nach zwei Jahren coronabedingter Pause beziehungsweise dem auf einen Spieltag ohne Camping abgespeckten sogenannten Nova Rock Encore am Ersatzstandort Wiener Neustadt im Herbst 2021 wird heuer wieder an vier Tagen zwischen Donnerstag und Sonntag und mit begleitendem Vollprogramm inklusive gehobener Unnötigkeiten wie Glamping in der "Desert Lodge" oder im "Rock Chalet" jedenfalls vor allem eines bewiesen: Das Nova Rock funktioniert in erster Linie als Druckablassventil und ist als solches auch und gerade heute gefragt. Mit veranstalterseitig sehr wahrscheinlich kreativ gerechneten, aber in jedem Fall sensationellen 225.000 Besuchern wird in der Saison 2022 sogar ein neuer Rekord aufgestellt. Headliner wie Five Finger Death Punch und Alligatoah am Sonntag, Volbeat und Deichkind am Samstag, Placebo und Bring Me To The Horizon am Freitag sowie Bullet For My Valentine und Muse zur Eröffnung am Donnerstag trifft in diesem Zusammenhang zumindest eine Art Teilschuld.

Dass Muse als im Festivalsinn größte Attraktion mit den real-dystopischen Songs ihres Ende August erscheinenden neuen Albums "Will Of The People" diverse Untergänge herbeisingen, während es vor der Bühne vor allem zu Abstürzen kommt, ist einem alten Festivalmotto zufolge übrigens nicht weiter tragisch. Gerockt wird, bis die Rettung kommt. Die Rettung, das ist Dr. Alban.