Man könnte von den zahlreichen Wandlungen Yann Tiersens erzählen: von seinem folkloristischen Debütalbum "La valse des monstres" (1995), das der Musette ebenso huldigte wie es an den Minimalismus Pascal Comelades denken ließ. Ein paar Jahre später flirtete er mit "L’absente" (2001) mit dem Chanson, während ihn die Filmmusik zu Jean-Pierre Jeunets "Die fabelhafte Welt der Amélie" weltberühmt machte. Es folgten Kollaborationen u.a. mit Elizabeth Fraser (Cocteau Twins) oder Shannon Wright, wobei sich Tiersen der nachdenklicheren Musikwelt der 1980er Jahre näherte.

Man könnte die Geschichte aber auch anders berichten. Denn das kompositorische Universum des 1970 in Brest geborenen, mittlerweile auf der Kanalinsel Ouessant lebenden Musikers hat sich längst von den Pariser Einflüssen emanzipiert. Erkundungen in akustischen Räumen traten an die Stelle der Musette ("Infinity", 2014) und verwehte bretonische Lyrik übernahm die Rolle des Chansons. Die Natur selbst wurde zum Protagonisten einer beinah schwelgenden Hommage ("All", 2019). Es zeigte sich jedoch, dass Tiersen bei all diesen musikalischen Erkundungen im Prinzip seiner Linie, Melodien als Repetitionen bzw. Imitationen ihrer selbst zu entwerfen, denen beinahe etwas Fugenhaftes anhaftet, treu blieb. Mit diesem Prinzip wendet er sich nun der Elektronik zu und erzeugt durchaus Tanzbares.

Das neue Album, "11 5 18 2 5 18" betitelt, ist eine Mischung aus Experiment, Rhythmus und akustischen Spielereien. Dabei mag es überraschen, dass jeder Song eine Dynamik entfaltet, die mit den Hörerwartungen spielt. Obgleich die neun Songs eher musikalische Reisen sind, weiß man doch von Beginn an nicht, wohin einen die Töne tragen. Tiersen erfindet das Genre der elektronischen Musik gewiss nicht neu, aber er verleiht ihm ein ganz eigenwilliges, mosaikhaftes Flair.

Tiersen, und so könnte dann die Erzählung enden, ist ein Musiker, der keinen Stil für seine Musik braucht, es ist der Musikstil, der durch ihn - wenn auch nicht immer auf komplexe, aber durchaus formidable Weise - geformt wird.