Fritz Ostermayer, der selbstermächtigte "Generaldilettant" und große Katalysator der österreichischen Subkultur, hatte einmal mehr den richtigen Riecher gehabt. Regelmäßig hatte er seinem alten Drink-Spezi, Kollaborateur und zeitweise sogar Mitbewohner Oliver Welter einzureden versucht, er müsse mit seiner Stimme "was Klassisches" machen. Nur mit wem, das war noch die Frage. Als Ostermayer 2018 für die eindrucksvolle Performance "Melo, My Love" mit der individualistischen klassischen Pianistin und Performance-Künstlerin Clara Frühstück zu arbeiten kam, war sie beantwortet.

Umjubelte Uraufführung

Tatsächlich stimmte die Chemie zwischen Frühstück und Welter auf Anhieb. Sie einigten sich auf eine vollständige Interpretation des Liederzyklus "Winterreise" von Franz Schubert und Textdichter Wilhelm Müller. "Nun habe ich aus langer Erfahrung heraus die Schnauze voll von Projekten, die sich ins Blaue verlaufen. Ich fand, dass wir eine große, dem Werk angemessene Anlaufstelle brauchten. Ich ging zu (Burgtheaterdirektor, Anm.) Martin Kušej - wir kennen und schätzen uns. Ich unterbreitete ihm das Projekt, und er hat es sofort angenommen", erzählt Welter der "Wiener Zeitung". Über zwei Jahre hat die natürlich auch durch Covid beeinträchtigte Arbeit an dem Werk gedauert. Im August 2021 kam es im Akademietheater zur umjubelten Uraufführung. Die Platte wird jetzt gewissermaßen nachgereicht.

Oliver Welter ist Sänger und Songschreiber der hochgeschätzten Rock-Edel-Melancholiker Naked Lunch. Clara Frühstück kann Klassik sowohl werktreu geben wie auch deren Grenzen überschreiten und mitreißend performen. Beide kannten und schätzten das Werk der/des Anderen schon vorher - mangelnder gegenseitiger Respekt oder gar unüberbrückbare Dogmen waren also das Letzte, was ihre Zusammenarbeit herausgefordert hätte.

Welter hatte naturgemäß den längeren Weg zu gehen: "Ich habe zunächst versucht, die ,Winterreise‘ so zu singen, wie ich sie von anderen Sängern gehört habe. Es dauerte eine Zeit, bis wir draufkamen: Das kann es nicht sein. Wenn ich mich mit einem Tenor messe, der sein Leben nichts anderes gemacht hat als solche Sachen zu singen, kann ich nur scheitern." Überdies musste er feststellen, dass die eklatanten Sprünge in den Liedern für einen Popsänger schwer zu schaffen sind: "Wir kennen im Pop keine oktavierten Sprünge - da liegt die Range bei vielleicht fünf Tönen, denn es soll ja verständlich sein. Hier dachte ich oft, das kann ich nie singen."

Frühstück, die schon bei der Schubertiade gespielt und technisch natürlich keine Probleme mit der Musik hat, musste wiederum erst einmal mit der Arbeitsweise ihres Partners klarkommen: "Oliver war gleich sehr radikal mit Streichen und entfernte sich weit von den Harmonien. Solchen Änderungen zu folgen, hat manchmal Mut erfordert. Was ich allerdings auf keinen Fall wollte, war, ein Lied einfach wegzulassen, wenn wir keinen einfachen Zugang dazu fanden. Da war ich teilweise recht stur im Beharren, die ,Winterreise‘ ganz zu lassen und ihre Dramaturgie beizubehalten."

Ungefähr die Hälfte der Lieder folgt, manche von ihnen etwas verkürzt, der ursprünglichen Klavier-Stimme-Konstellation. Ein paar Gitarren-Grundierungen Welters fügen sich umstandslos in das schwermütige Klangbild, das Stimmungen von kahlen, reifbedeckten, nebligen Landschaften aufruft. Richtig drastische Neudeutungen wie bei "Täuschung", in dem Frühstück mit perkussivem Hämmern auf das Klavier eine Art Loop erzeugt, sind indes eher selten.

Absurd tröstlich

Welter wiederum spitzt die Lieder manchmal auf mantraartige Wendungen oder gar nur ein einziges Wort ("Mut! Mut! Mut!") zu, bleibt dabei aber immer dem Sehnen und einem absurd tröstlichen Gefühl von Vergänglichkeit verpflichtet, das Schubert und Müller der Ewigkeit zur universalen Erhebung der Herzen vermacht haben. Nie hätte man für möglich gehalten, wie gut Oliver Welter auf Deutsch klingen kann. Schon vor dem Schubert-Projekt ist in ihm allerdings der Plan gereift, ein deutschsprachiges Soloalbum zu machen: "Und dieses wird laut und wütend sein."

Auch von seiner vielerorts schon tot geglaubten Stammband Naked Lunch wird noch eine LP kommen: "Ich habe viel geschrieben, das ich in nächster Zeit aufnehmen und produzieren werde. Ich habe diese Band geschaffen - und ich werde sie zu Grabe tragen, wann mir die Zeit reif dafür scheint."