Mit 78 Jahren ist er immer noch auf Tour: Nick Mason, der Schlagzeuger von Pink Floyd, ist am Samstag mit seiner neuen Band "Nick Mason’s Saucerful of Secrets" im Wiener Gasometer zu Gast. Mason hat die Band 2018 gegründet und spielt gemeinsam mit jüngeren Kollegen nur Titel aus dem Frühwerk von Pink Floyd. Im Interview erzählt er von der Entstehung des Ukraine-Benefiz-Songs "Hey Hey Rise Up", der ersten Zusammenarbeit von Pink Floyd nach vielen Jahren, über das Älterwerden und die Chancen einer Wiedervereinigung der legendären Band.

"Wiener Zeitung": Herr Mason, seit kurzem sind Sie auf Tour mit Ihrer 2018 gegründeten Band "Nick Mason’s Saucerful of Secrets", benannt nach dem zweiten Pink Floyd-Album. Die Songs aus jener Zeit spielen Sie nun mit Musikern wie Guy Pratt und Gary Kemp - und es wirkt, als hätten Sie dabei viel Spaß. Weil Sie nicht mehr auf die strikten Konzepte und Eitelkeiten Ihrer Pink-Floyd-Kollegen David Gilmour und Roger Waters achten müssen?

Nick Mason: Live zu spielen macht mir tatsächlich großen Spaß. Aber ich habe es auch geliebt, mit Roger und David aufzutreten, und blicke sehr gern auf alles zurück, was wir zusammen auf die Bühne gebracht haben. Was immer bei Pink Floyd im Laufe der Jahre an Differenzen auftrat, auf der Bühne gab es komischerweise nie irgendwelche Probleme. Das hat immer Spaß gemacht.

Nur haben Sie seit Ihrem Auftritt beim Benefiz "Live 8" im Juli 2005 nicht mehr zu dritt gespielt ...

... ja. Außerdem ist das Wesen der frühen Musik von Pink Floyd vielleicht entspannter. Keiner erwartet von dir, es sklavisch genau wie auf der Platte klingen zu lassen. Als wir "The Dark Side of the Moon" oder "The Wall" spielten, war das meistens der Anspruch, weil die Albumversion sozusagen die finale war.

Sie haben Ihre neue Band also schon gegründet, um ein bisschen freier zu sein?

Ja, absolut. Mit den Jahren wurde es immer ernster bei Pink Floyd: größeres Publikum, aufwendigere Inszenierung, Beleuchtung und so weiter. Man verliert da ein bisschen was vom Spaß. Diese neue Band war aber erst gar nicht meine Idee, sondern die von unserem Gitarristen Lee Harris.

Sie wollen den frühen Pink Floyd-Spirit einfangen und beleben. Was genau meinen Sie damit?

Wir wollen dem alten Material respektvoll eine eigene Handschrift geben, anstatt zu einer weiteren Tribute Band zu werden. Das Album "A Saucerful of Secrets" klingt für mich fast heilig, weil darin so viele Ideen enthalten sind. Es mag nicht immer perfekt umgesetzt sein, aber es war wegweisend für unsere späteren Sachen. Die Songs von Pink Floyd haben sich ja immer weiterentwickelt, während wir sie live spielten. Viele dieser älteren Titel wurden aber nicht sehr oft aufgeführt, eigentlich nur ein Jahr lang. Danach kam wieder etwas Neues. Stücke wie "Arnold Layne" wurden in den Hintergrund gedrängt, waren nicht mehr richtig Teil unseres Repertoires. Diese alten Ideen jetzt wieder auf die Bühne zu bringen, bringt mir wie ein Déjà-vu die ersten ein, zwei Jahre mit Pink Floyd zurück.

Wenn Sie zurückschauen auf all die Höhen und Tiefen, von den experimentellen Anfängen mit Gitarrist und Songwriter Syd Barrett, die Riesenerfolge in den 70ern bis hin zum Ausstieg von Roger Waters sowie die Zeit danach, als Keyboarder Rick Wright nach vielen Jahren wieder zurückkehrte: Hatten Sie so etwas wie einen schönsten Pink-Floyd-Moment?

Diesen einen gibt es so nicht. Oft wird fälschlicherweise angenommen, die beste Zeit sei gewesen, als wir rumgejettet sind und vor 90.000 Menschen spielten. Tatsächlich habe ich sehr schöne Erinnerungen an die Zeit, in der Syd noch einsatzfähig war und wir alle in einem Ford Transit nach Schottland hochfuhren. Wissen Sie, das war genauso aufregend und neu, wie im New Yorker Shea Stadium zu spielen. Es ist also eine ganze Sammlung toller Erinnerungen aus allen möglichen Phasen meines Lebens - von der Boyband bis zum Konzerte spielendem Großvater.

Im Zuge der Ausstellung "Pink Floyd: Their Mortal Remains", die seit 2017 um die Welt wandert, bedauerten Sie, dass sich alles um Dinge dreht, die 40 Jahre zurückliegen. Sie fühlten sich alt, als Teil des englischen Kulturerbes und jetzt spielen Sie Songs, die sogar über 50 Jahre alt sind - damit Sie sich jünger fühlen?

Nun, kurioserweise funktioniert das hervorragend. Ich hatte wirklich Freude an der Ausstellung, aber es ist mir viel wichtiger, weiterhin das Musikmachen zu genießen, als nostalgisch zurückzublicken. Außerdem ließ uns die Ausstellung eleganter dastehen, als wir waren. Es sah aus, als sei die Entwicklung von Pink Floyd im Vorhinein geplant gewesen, als habe Zufall keine Rolle gespielt. Ganz so war es aber nicht.

Sie nervt die Frage vielleicht, aber für viele Fans lebt die Hoffnung: Wird es eines Tages eine Reunion von Pink Floyd geben?

Das nervt nicht, nur ist die Antwort immer die gleiche: Ich sehe diese Möglichkeit nicht. Der einzige Weg wäre, wenn eine Persönlichkeit von der Größe Nelson Mandelas es in ein Event für Weltfrieden, gegen Welthunger oder Ähnliches verwandelt. So wie es bei Live 8 war.

Sie haben kürzlich zusammen mit David Gilmour und dem Sänger Andriy Khlyvnyuk von der ukrainischen Band BoomBox den Song "Hey Hey Rise Up" veröffentlicht. Es ist der erste seit 1994, den Sie unter dem Namen Pink Floyd aufgenommen haben. Der Song und das Musikvideo thematisieren den Krieg, alle Einnahmen gehen an die Ukraine. Wie kam das?

Es war komplett Davids Idee: Er spielte mit Andriys Band, seine Schwiegertochter ist Ukrainerin - daher hatte er den starken Wunsch, etwas zu tun. Er rief mich an und fragte: Wärst du dabei? Und ich sagte: Absolut! Ich fand auch seine Herangehensweise unglaublich geschickt: das A-Capella von Andriy in den Vordergrund zu stellen und die Instrumentierung drumherum bauen. Das ist total untypisch, aber es ist ein bemerkenswertes Stück Musik geworden.

Sind Sie in irgendeiner Form persönlich betroffen vom Krieg in der Ukraine?

Ich finde es zutiefst traurig. Abgesehen davon wollten wir auf der laufenden Tournee sowohl in St. Petersburg als auch in Moskau spielen. Nun bezweifle ich aber stark, dass ich in meinem Leben noch mal nach Russland kommen werde. Ich weiß, dass wir dort fantastische Fans haben, die Pink Floyd lieben. Und das dortige Verhältnis von Musik zur Politik ist faszinierend, ganz anders als im Westen. Ja, es ist bitter enttäuschend.

Mit 78 muss so eine Tour ganz schön anstrengend sein. Warum entspannen Sie sich nicht und genießen Ihre exquisite Sammlung von rund 50 Autos?

So sehr ich meine Autos liebe, sehe ich meine größten Fähigkeiten im Musikspielen. Und ich will kein Automechaniker werden, sondern Schlagzeuger bleiben.

Wenn Sie nur eines Ihrer Autos behalten könnten, welches wäre das? Sicherlich nicht der Trabant?

(lacht) Klarer Fall, der Ferrari 250 GTO.

Sein Wert wird auf mindestens 40 Millionen Pfund geschätzt.

Ja, er muss es sein, weil er so viele verschiedene Dinge schafft. Er ist ein Rennwagen, ein Tourenwagen, er sieht großartig aus. Es macht riesigen Spaß, ihn zu fahren! Und dass ich ihn vor mehr als 40 Jahren für weniger als 40.000 Pfund gekauft habe, lässt mich heute einfach unglaublich raffiniert aussehen.