Das hätte es früher natürlich nicht gegeben, aber: Zu Konzertbeginn und sehr wahrscheinlich auch noch für eine gute Zeit darüber hinaus ist das Lauteste, das man auf dem ausverkauften Open-Air-Areal der Wiener Arena zu hören bekommt, nicht die Musik der Einstürzenden Neubauten selbst, sondern ein zu dieser im Grunde sehr gut passender Hubschrauberstart auf dem nahegelegenen ÖAMTC-Areal.

Die einstige Lärm-Avantgarde aus dem damaligen West-Berlin um den am Dienstagabend wieder gediegen im Dreiteiler seinen Dienst versehenden Sänger Blixa Bargeld in der Bühnenmitte ist über die Zeit bekanntlich nicht nur gesetzter und reifer, sondern auch im musikalischen Ausdruck ruhiger und milder geworden. Anstatt "Feurio" rufend die alte "Hirnsäge" auszupacken und einem auch im Jahr 2022 wieder als Instrument zweckentfremdeten Ölfass mit dem Schlachtruf "Abfackeln!" zu begegnen, kann es mit "Wedding" vom aktuellen, 2020 veröffentlichten Album "Alles in allem" mit seinem inhaltlichen Schwerpunkt Berlin also schon einmal betont zurückgenommen losgehen.

Besungenes Unheil

Glücklicherweise hat Blixa Bargeld, heute auffallend blass oder unter dem schillernden Lidschatten womöglich nur blass geschminkt, in der Zwischenzeit aber auch die Altersgelassenheit für sich entdeckt: "Das eben mit dem Hubschrauber fand ich sehr gut!" Er wird diese Einstellung noch brauchen: Immerhin feiert der Helikopter für Notfälle auf Autobahnen und Berggipfeln ausgerechnet im Zugabenteil beim ruhigen späten Göttersong "Sabrina" vom für das Kommende wegweisenden Album "Silence Is Sexy" aus dem Jahr 2000 noch ein lautstarkes Comeback, dessen wahrscheinlich tragischer Anlassfall in Songs wie "Grazer Damm" (Suizid durch Gasexplosion) oder der späten Jahrhundertnummer "How Did I Die?" aus dem Album "Lament" von 2014 im Zeichen des Gedenkens an den Ersten Weltkrieg mit dem besungenen Unheil korrespondiert.  

Eigentlich hätte die von Alexander Hacke (Bass, Vibrator, Reisetaschen), Jochen Arbeit (Gitarre), N.U. Unruh (diverse Baustellenfundstücke) und Rudi Moser (Schlagzeug und alles, auf das man sonst noch klöppeln kann) komplettierte und live von Felix Gebhard am Keyboard unterstützte Band vor zweieinhalb Jahren ihre groß angelegten Feierlichkeiten zum 40. Bandjubiläum einläuten sollen, wobei die angesetzte "The Year Of The Rat Tour" nun ins Jahr des Wassertigers fällt.

Mehr Licht!

Den Grund für die gehörige Verspätung sieht man nicht nur dem trotz seiner sicheren Arbeitsstätte an der frischen Luft konsequent Mund-Nasen-Schutz tragenden N.U. Unruh hinter den Kanalplastikrohren und den Metallfedern oder der Lockdownmatte seines Sängers an. Man hört ihn auch und gerade in einem womöglich extra zurück ins Programm geholten Song wie "Sonnenbarke", in dem Blixa Bargeld bereits vor 22 Jahren notierte: "Ich hab die Strahlenkrone aufgesetzt, Corona."

Tatsächlich entfaltet der für das von diversen Grautönen schattierte Gesamtwerk der Band erstaunlich explizit mehr Licht einfordernde Song an diesem dringend benötigten Konzertsommerabend unter Gleichgesinnten gerade nach zwei pandemischen Wintern seine volle Wirkung. Nach einer ausgedehnten Phase mit wöchentlichen Videoblogs aus der Quarantäne und Synchronkochkursen via Internet hat auch die Band hörbar große Lust, endlich wieder live zu spielen.

Wenn sich Blixa Bargeld in humorigen Zwischenreden nicht gerade über sich selbst wundert ("Warum rede ich eigentlich englisch??") oder über die Rückkehr eines letztmals 1987 zweckentfremdeten Einkaufswagens auf die Bühne informiert, passiert dabei übrigens eines: Nach ihrer "Greatest Hits Tour" und dem bisher letzten Österreich-Auftritt 2017 am Donaufestival in Krems spielt die Band "Alles in allem" in geänderter Reihenfolge zur Gänze und verzichtet auf Songs aus der ersten Hälfte ihrer Existenz ebenso wie auf diverse Crowdpleaser aus dem Repertoire.

Zeitlos schön

Bei Song Nummer zwei auf der Setlist ("Möbliertes Lied") gibt Blixa Bargeld erstmals an diesem Abend die stranguliert werdende Katze, bei "Ten Grand Goldie" sanft tänzelnd den besungenen Schlangensohn. Wir lernen, dass der Mann eher von sieben Schrauben befestigt wird, als dass er eine locker hätte ("Seven Screws"), und erleben im zeitlos schönen und ganz schön bewegenden "Susej" aus "Alles wieder offen" von 2007 mitsamt seinen edel-melancholischen Streicherschlieren eine – offene – Begegnung des jungen Blixa mit dem alten – und eine Standortbestimmung zum Thema "Zeit", die wir mit voranschreitenden Jahren langsam auch selbst verstehen: "Du fragst mich: Alter / Wo ist das, was ich vorhatte, bei dir verblieben? / Ich sage: Was von mir noch übrig ist, hat nur mit dir zu tun."

Zwischen "Am Landwehrkanal", einer Art Seemannssong aus dem Hinterland, und gut eingeköchelten Rotweinballaden wie "Alles in allem" erklären aber nicht zuletzt mitunter brennende Songs wie gegen Ende "Redukt", was hier an Lautstärke bei entsprechendem Willen immer noch möglich ist. Dagegen wäre dann tatsächlich jeder Hubschrauber chancenlos. Toller Abend!