Ganz sicher ist man sich nicht, ob jemand, der eigene Nummern mit Kommentaren wie "That song is so good! Holy shit!!" abmoderiert, entweder, nun ja, vollkommen frei von Selbstzweifeln, ziemlich ironisch oder latent durchgeknallt ist - oder womöglich alles auf einmal. Allerdings wird man beim Auftritt des US-Musikers Beck am Dienstagabend auf dem Open-Air-Areal der Wiener Arena nicht nur in dieser Hinsicht ein wenig auf die Probe gestellt. Am Ende des auf seine Weise auf jeden Fall mutigen Konzerts wissen wir schließlich auch, wie man knapp 40 Songs an einem Abend abfertigt, der mit einer Spielzeit von gerade einmal einer Stunde und 40 Minuten gar nicht so lange ausgefallen sein wird wie ursprünglich angekündigt.

Im Eilverfahren

Weil dem Mann auf der Bühne, der mit seinem weißen Anzug samt Schlaghose (!) im kessen 70er-Jahre-Schnitt aussieht wie aus dem Cast eines Wes-Anderson-Films, bewusst ist, dass es sich heute nicht nur um den längsten Tag des Jahres handelt, sondern auch um sein erstes Österreichkonzert seit dem Frequency Festival 2003, wird der gewohnte Ablauf seiner aktuellen Tour gleich zu Beginn auf den Kopf gestellt.

"Before we get the real show started" schiebt der demnächst 52-Jährige noch schnell ein Akustikset ein und nimmt Songwünsche aus dem Publikum entgegen: "I am a human jukebox." Diese beschallt die Arena hübsch melancholisch mit an der akustischen Gitarre und bei zeitweiliger Miteinbeziehung einer Mundharmonika geklampften Songs wie "The Golden Age" aus dem Trennungsalbum "Sea Change" von 2002, dem Korgis-Cover "Everybody’s Got To Learn Sometime" oder "True Love Will Find You In The End" aus der Feder des 2019 verstorbenen Songwriters Daniel Johnston.

Dass es sich bei Beck um einen Freibeuter zwischen den Stilen und einen Eklektiker vor dem Herrn handelt, ist jetzt auch schon seit seiner im Jahr 1994 durch die Decke gegangenen, ursprünglich auf 500 Stück limitierten Single "Loser" bekannt, die das zwecks Massenkaraoke eingebundene Publikum in der Arena auch heute noch in zeitloser Frische begeistert. An diesem an im Eilverfahren heruntergespielten oder von Beck sehr gerne auch frech abgekürzten Songs nicht armen Abend, der die an jeder Ecke lauernde Gefahr eines Medleys zum Glück gerade noch umgeht, kommt das alles aber noch einmal ganz anders daher. Beck gibt den Entertainer, der zwischen diversen Bocksprüngen auch nicht davor zurückschreckt, den Animateur zu spielen.

Nach zwanzig Minuten als Solist wird für einen harten Cut zwar schließlich seine vierköpfige Band auf die Bühne geholt. Sie wird dort am hinteren Ende aber gleich in einer Extraschicht Trockeneisnebel versteckt. Im Vordergrund darf Beck dafür zu einer in Studio-54-Optik gehaltenen Lichtshow das Saturday Night Fever für sich entdecken. Endlich macht die Schlaghose Sinn! Mit tatsächlich unwiderstehlichen Tanzangeboten wie "Mixed Bizness" aus dem betont sleazy ausgerichteten Album "Midnite Vultures" von 1999, samplebasierten Machtdemonstrationen wie "Devils Haircut" oder "The New Pollution" vom 1996 erschienenen Durchbruchsalbum "Odelay" oder "Girl" aus "Guero" von 2005 wird dabei aus dem Vollen geschöpft. Passend dazu schreit alles an dieser auch noch mit Konfettiregen auffahrenden Show nach der ganz großen Bühne.

Rock auf Solettibeinen

Der schmale Grat zwischen dem Würdelosen und dem Erhabenen wurde schon oft beschritten. In der Arena erlebt man ein tolles, oft mitreißendes und ambivalentes Konzert, das in diesem Spannungsfeld streng nach Regieplan funktioniert und trotzdem den Eindruck erweckt, unberechenbar zu bleiben.

Während Beck sein aktuelles Album "Hyperspace" live weitgehend ignoriert, mit "Debra" auf den Spuren von Prince in seiner Leibrolle als spitzer Lumpi wandelt, das Set mit subbassdominierten Hip-Hop-Beats zusammenhält und es nach der Rückkehr zum getragenen Songwriter-Folk des Albums "Morning Phase" von 2014 mit "Black Tambourine" unter hübsch psychedelischen Vorzeichen wieder durchrüttelt, kommt es bei den Zugaben noch einmal ganz dick. Beck steht in jetzt endgültig würdeloser und einst vermutlich aus der Garderobe von Bon Jovi gestohlener Lederpanier mit dürren Solettibeinen auf der Bühne, um eine rockistische Version von "E-Pro" zu geben und das Konzert mit dem Todesblues "One Foot In The Grave" zu beenden. Ein irritierender Abend im - weitgehend - guten Sinn!