Dass Angel Olsen Country kann, überrascht eigentlich nicht. Sie hat die Musik der Prärien, Felder, Hügel und Dörfer zwar selten unmittelbar aufgerufen, versteht sich aber bestens auf die damit konnotierte Gefühligkeit. Man denke nur an das schmelzende Sentiment in Zeilen wie "If all the trouble in my heart would only end" in "Unfucktheworld" (2014).

Insofern könnte fast Argwohn entstehen, wenn sie jetzt mit "ihrem Nashville-Album", das de facto im kalifornischen Topanga aufgenommen und gemeinsam mit Jonathan Wilson produziert wurde, kommt. Skepsis, das ginge etwas gar zu einfach ab, fußt aber auch im tiefen Kontrast zu ihren letzten Veröffentlichungen: Olsens bisher nachdrücklichste Werke wie "All Mirrors" (2019) und sein Komplementärmodell "Whole New Mess" gaben sich, scheinbar regelrecht erlitten, als fiebrige Resultate emotionaler Stürme.

"I can’t say that I’m sorry when I don’t feel so wrong anymore / I can’t tell you I’m tryin’ when there’s nothin’ left here to try for", steigt Olsen demgegenüber zu gravitätischer Orgel und dezenten Bläsern, die am Ende übrigens in einen hübschen Dialog mit der für Country-Gefielde obligatorischen Pedal-Steel-Gitarre treten, in ihr regulär sechstes Studio-Album ein. Im Titelsong "Big Time" wird häusliche Idylle einer belasteten Vergangenheit entgegengehalten. Gelassenheit - im Sinn von Gewährenlassen, nicht Wurschtigkeit - prägt das Album, dem einschneidende Ereignisse vorangingen: Olsen outete sich als queer und tat sich mit der Drehbuchautorin Adele "Beau" Thibodeaux (die auf "Big Time" vereinzelt auch Songwriter-Co-Credits hat) zusammen.

Bald darauf starben in rascher Abfolge ihre beiden Eltern. Als Draufgabe zu all den Dramen kann man sich Echos zerbrochener Beziehungen vorstellen, die im Song "Dream Thing" zum (Alb-)Traum einer 25-jährigen Auseinandersetzung mit einem Ex führen. Auch durch das wunderschöne "This Is How It Works" schweben Geister der Vergangenheit. Ein Versuch, mit ihnen fertig zu werden, ist die Hinwendung zu "kleinen Dingen", die Olsen in "Go Home" preist. "Kleine Dinge", das kann etwa dörfliche Strukturen meinen, ein Zusammenrücken. Country-Style.