Es ist nicht wirklich so, dass Raphael Sas in der vielgerühmten Wiener Musikszene nicht Beachtung fände. Seine bisher vier Platten - zwei unter dem Bandpseudonym Mob, was indes für Mann ohne Band steht, und zwei unter eigenem Namen aufgenommen - genießen bei Kennern sogar hohe Wertschätzung. Dazu ist er Tastendrücker und Gitarrist bei Der Nino aus Wien, wird auf der letzten Kahlenberg-LP "Wiener Zucker" als reguläres Bandmitglied geführt und spielt im Trio Irgendetwas.Schönes mit Lukas Lauermann und Stefan Sterzinger stilistisch offene, improvisationsbasierte Musik.

Obendrein sind zumindest kulturaffine Radiohörer mit seiner Stimme vertraut, denn auf Ö1 ist er als Sprecher und Moderator zu hören. Aber da, wo er eigentlich hingehört, nämlich an die vorderste Front der kontemporären österreichischen Sänger und Songwriter, da ist er in der öffentlichen Wahrnehmung noch nicht ganz angekommen.

Pop-"Kunstlied"

Seine letzte, zwischen Wienerlied und Chanson driftende und nicht selten auch beides vereinende Platte "Nackerte Lieder" von 2015 wäre eine Gelegenheit dafür gewesen, seine neue LP "Roter Berg" (Problembär Records) ist ein weiteres hochklassiges Angebot.

Auf dem titelgebenden "Roten Berg" in Wien 13 ist der 39-jährige Musiker aufgewachsen. Doch im unmittelbaren Sinn ist der geografische Ort auf der Platte weniger präsent, als man wegen seiner prominenten Gewichtung als Titel annehmen würde. Es handelt sich auch nicht um eine Erinnerungsplatte, vielmehr stellt Sas in seinem Hybrid aus Hochwienerisch und Dialekt hier seine Einsichten und Ansprüche an das Leben in den Fokus. "Ich will mehr als nur Oberfläche" ist eine für das Album programmatische Aussage, "Rock ’n’ Roll Will Never Die" ein Mantra - auch wenn die Party, wie der überraschend besinnliche, sogar leicht melancholische Song nämlichen Titels reflektiert, längst vorbei ist. "Am Land" wiederum zerlegt zu stimmiger Blues-Gitarre und schöner Klarinette seines sonst am Bass tätigen Kollegen pauT Klischees vom urbanen Raum.

Musikalisch ist "Roter Berg" vielseitiger, üppiger arrangiert und offensiver, auch rockaffiner angelegt als sein Vorgänger. Der flott-beschwingte Opener "Schau Schau" zeigt Sas als eine Art (v)erträglichen André Heller, sprich: ohne die salbungsvolle "Gedankentiefe", die vor lauter Gravität der Musik keine Luft mehr lässt. Nicht dass Sas seine Szenarien nicht auch philosophisch, literarisch und mit sonst allen möglichen Spielarten geistes- und integrativwissenschaftlicher Erkenntnis zu unterfüttern wüsste, aber er wittert stil- und instinktsicher die Grenzen zu aufdringlicher Effekthascherei. Und rettet damit die Form "Kunstlied" für den Pop.

Zentraler Sound

Wer mag, kann dieser Tage übrigens den Vergleichstest zwischen Raphael Sas und seinem "Boss" anstellen. Denn auch Nino Mandl alias Der Nino aus Wien hat einen neuen Longplayer am Start. Und diesen verbindet ein vitales Abhängigkeitsverhältnis mit Sas’ eindrücklichen Beiträgen an der Lead-Gitarre, etwa einem aufrührenden Lauf durch den Opener "Palmen und Katzen", der Erinnerungen an die Yardbirds zur kurzen Zeit des Gitarren-Doppels Jeff Beck & Jimmy Page aufruft.

Damit ist auch die Wegrichtung bezeichnet: Noch stärker als auf seinen letzten Platten zieht Der Nino aus Wien auf "Eis Zeit" (Medienmanufaktur Wien) Richtung Psychedelia der 1960er Jahre. Der Sound ist eindeutig das tragende Element der Platte, dem alles Andere untergeordnet ist, nicht nur Mandls kräftiger Gesang, sondern auch die hier meist eher kryptischen Texte, deren Hauptaufgabe es zu sein scheint, gut zum musikalischen Setting zu passen. Übrigens ist auch bei "Eis Zeit" der instrumental vielseitige pauT, seinerseits ein fähiger Songwriter, mit dabei.

Zwei alte Nino-Klischees - die beide nicht unwesentlich auf seinen Hit "Du Oasch" zurückgehen - sollten jedenfalls nach diesem Album verabschiedet werden: Erstens sein Ruf als "Dialektsänger", und zweitens, dass er eher grundigen Themen verhaftet sei. Der größere Teil seines Repertoires ist in gepflegtem Hochwienerisch gehalten; auf "Eis Zeit" gibt es überhaupt nur mehr einen Titel in Mundart. Und einmal mehr zeigt sich, dass sich Mandl gut auf kulturelle Referenzen versteht: "Der Kuss ist stark / ein Klimt verkleidet sich als deine Kunst."