"It’s time to begin, isn’t it?" Kaum hat die US-Band Imagine Dragons ihre Arbeit im Wiener Ernst-Happel-Stadion am Donnerstag gegen 21 Uhr doch noch aufgenommen, passiert vor angeblich knapp 40.000 Besuchern trotz erheblicher Bewegungsfreiheit im Front-Stage-Bereich eines: Seinem Bombastpop-Image entsprechend lässt das Quartett aus der Glitzer- und Glücksspielmetropole Las Vegas gleich einmal mehrere Lastwagenladungen Konfetti über dem Publikum ausschütten. Gerade vor Showstart hat man noch eigens Personal dafür abgestellt, die Bühne zu schrubben – und dann muss erst wieder der Laubbläser her!

Okay, nicht okay

Bevor bei Song Nummer zwei bereits pyrotechnische Einlagen und gleich darauf schon wieder Konfetti folgen, darf man sich als geübter Stadionkonzertbesucher schon einmal wundern. Du liebe Güte, was kommt da – außer der Musik – noch auf uns zu? Wobei man anmerken muss, dass zumindest die Feuerspiele nicht nur im Vergleich zu einer herkömmlichen Stadionshow von AC/DC (TNT tonnenweise) oder Rammstein (Dauerdetonationen im Führerbunker) eher lachhaft und/oder lieb wirken.

Immerhin handelt es sich bei Imagine Dragons um eine Band, deren Sänger sich auf der Bühne nach dem Wohlergehen der Fans erkundigt, mit zu seiner Heimatstadt passendem falschem Pathos und schlecht gemimter Zitterstimme für den Weltfrieden plädiert oder uns mit auf den Weg gibt, dass es okay ist, nicht okay zu sein – und Psychotherapie in Anspruch zu nehmen. Wenn in esoterischen Videozuspielern nicht gerade Lebensberatung zu Themen wie "Why must things change?" (Wir werden alle sehr nachdenklich) oder "To truly hold something is to let it go" (anwesende Erziehungsberechtigte, zugehört!) auf dem Programm steht, nimmt sich Dan Reynolds heute also ausgiebig Zeit, um den Prediger zu geben. Der Mann mag zwar aussehen wie ein grober Klotz aus der Muckibude, der jederzeit bereit ist, uns eine aufzulegen, er ist als einstiger Missionar der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage dann aber eh dazu angetan, uns den rechten Weg zu weisen: "Love yourself! You are worth it!"

Ssssssss! Nachdem gerade wieder einer dieser mickrigen Feuerwerkskörper hochgestiegen ist, wie man sie von Silvesterfeiern des Sparvereins Bad Wimsbach-Neydharting kennt, geht der Frontmann gleich noch auf die Knie, um sich für unsere Anwesenheit zu bedanken. Er erinnert sich an den ersten Wien-Auftritt seiner Band vor weniger als 200 Besuchern (2013 im Flex) – und uns damit an eine im Fachbereich Rock in den letzten zehn Jahren eher ungewöhnliche Karriereexpansion. Rock ist dabei allerdings weniger eine Zustandsbeschreibung als – man hört es – vielmehr ein leeres Versprechen.

"Vienna, we love you!" Imagine Dragons sind schließlich auch dafür bekannt, sich mit Nickelback ein hartes Kellerderby um den Ruf als uncoolste Band des Planeten zu liefern. Mit Reynolds in Jogginghose und einem Freizeithemd aus dem Diskonter, dem Bassisten Ben McKee mit nachkriegsbeiger kurzer Hose im Seniorenschnitt (also ohne Schnitt) und dem Stirnband tragenden Daniel Platzman am Schlagzeug weiß man auch optisch, warum.

Lange Straße, gute Übung

Allerdings versteht es die Band, ihren stilistisch breit, sprich diffus, aber berechnend im Poprockbereich angelegten und mit reichlich Elektronik und Querbezügen zu Folk und Hip-Hop versehenen Genremix nicht nur der Zielgruppe unterzujubeln. Fiese Ohrwürmer kann sie: Auch wer den Namen Imagine Dragons nicht kennt, dürfte mit diesen im Supermarkt zwischen dem Waschmittelregal und der Wurstbudl lauernden Songs durchaus vertraut sein.

In Wien setzt es 21 davon, die sehr oft von "struggles" und "let-downs" erzählen. Dan Reynolds lebt sie so intensiv vor, dass sein Gesang mitunter an Presswehen erinnert. Unterbrochen von einem Akustikteil hört man Musik gewordene Holzschnitte um bisherige Greatest Hits von "Demons" oder "Radioactive" aus dem Debüt "Night Visions" von 2012 über das überdramatische "Shots" aus "Smoke + Mirrors" von 2015 bis herauf zu den mit Rick Rubin produzierten Stücken von "Mercury – Act 1", dessen zweiter Teil kommende Woche erscheint und zumindest mit der Vorabsingle "Bones" live vertreten ist.

Schön auch die Botschaft für junge Konzertbesucher, dass man auf der harten und langen Straße des Lebens niemals aufgeben darf. So ein Imagine-Dragons-Konzert ist dafür eine sehr gute Übung.