"Die alten Wunden tun noch weh / Da hilft nur eins / Ich will zurück zu mir": Kaum sind nach seinem Solodebüt "Heavy" 13 Jahre vergangen, ist Jochen Distelmeyer auch schon wieder zur Stelle, um nahtlos an sein altes Œuvre anzuknüpfen und dabei zu tun, als ob nichts gewesen wäre. Während man jahrelang darüber rätseln durfte, warum der Mann keine Songs mehr schreibt oder was ihn stattdessen so umtreibt, heißt es heute recht lapidar: "Jetzt bin ich wieder hier und lass die Leere rauschen" - und womöglich auch ein wenig autobiografisch: "Ich bring mein Lied zurück, aus meinem Tal der Tränen."

Als Vorstand seiner Band Blumfeld schrieb das einstige Aushängeschild der Hamburger Schule (neben Dirk von Lowtzow von Tocotronic und Frank Spilker von den Sternen) ein Kapitel deutsche Musikgeschichte. Auf den Alben "Ich-Maschine" (1992) und "L’état et moi" (1994) verlieh Jochen Distelmeyer dem hübsch pfeifenden und klirrenden Diskursrock nach internationalem Vorbild mit selbstbewussten deutschen Texten eine so eigene wie eigentümliche Note. "Auf dem Küchentisch / Ein Gedicht von Patti Smith / Female, feel male / Sie schreibt heftig, schwach, schwelgerisch / Im Sommerrock sich legen lassen / Von einem schmalhüftigen Jungen hinter der Kegelbahn ..." - und: "Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg / Als Text, der kein Behälter-Sarg sein mag / Schreib ich mich auf / Um nicht zu ex- oder zu implodieren." Oh! Ja!

Im Jahr 1999 dann der Umbruch: Blumfeld präsentieren mit dem mutigen deutschen Jahrhundertsong "Tausend Tränen tief" und dem dazugehörigen Musikvideo mit Helmut Berger ihre Spielart des deutschen Schlagers und verstören die Fans der ersten Stunde ebenso wie die gehobene Popkritik, um von ihrer neuen künstlerischen Schlagseite auch im Weiteren nicht loszulassen und den Weg bis zum Wald-und-Wiesen-Album "Verbotene Früchte" von 2006 und der anschließenden Auflösung konsequent zu Ende zu gehen.

Drei Jahre später kombinierte Jochen Distelmeyer auf seinem Solodebüt "Heavy" Schlager mit Pop, er drehte für "Wohin mit dem Hass?" aber auch wieder die Gitarren auf, um das erst viel später auftauchende Phänomen des "Wutbürgers" vorwegzunehmen. Erst 2015 das nächste Lebenszeichen: Mit "Otis" (Rowohlt) erschien Distelmeyers von der Kritik abgelehnter erster Roman und im Jahr darauf das Coveralbum "Songs From The Bottom, Vol. 1". 2017/2018 schließlich fanden Blumfeld vorübergehend als Liveband wieder zusammen.

In Hinsicht auf neue Songs aus eigener Feder aber hieß es weiterhin: bitte warten. Kein Wunder also, dass das nicht mehr für möglich gehaltene, nun aber tatsächlich vorliegende zweite Soloalbum des demnächst 55-Jährigen mit dem auf dem Papier Angst und Schrecken verbreitenden Titel "Gefühlte Wahrheiten" (Four Music/Sony) in all seiner Überlänge so wirkt, als hätte hier jemand Nachholbedarf verspürt und gleich drei Alben auf einmal aufgenommen. Geht doch!

Mit einem hörbar tausendtränentiefen Drumcomputerbeat geht es los. Jochen Distelmeyer gibt mit "Komm (So nah wie du kannst)" samt später auftauchendem Frauenchor und aufbrausender Gitarre selbstverständlich käsigen, aber großen Schlafzimmersoul, den man sich auch als George-Michael-Song vorstellen kann. Das geht sich auch inhaltlich aus: "Du leuchtest hell in allen Farben, wie ein seltenes Tier / Im Takt, den unsre Herzen schlagen / Die uns sagen: komm zu mir ..."

Immerhin erinnert sich Jochen Distelmeyer in den diversen Liebesbekundungen des Albums wie etwa bei "Nur der Mond" zwar an einen historischen Blumfeld-Song ("Viel zu früh und immer wieder, Liebeslieder"). Er kommt mit unzureichend hinter Titeln wie "Im Fieber" oder "Tanz mit mir" verklausulierten, Musik gewordenen Lockrufen ganz im Gegensatz zu einem anderen alten Motto ("Lass uns nicht von Sex reden") aber auch in seinem "Oh, Baby"-Stadium an. Schnittiger Pop auf den Spuren von Prefab Sprout ("Im Fieber") und mehr als nur ein Hauch Justin Timberlake ("Tanz mit mir") tun dazu ein Übriges.

Nach der schillernden ersten Hälfte kommt es aber auch im semiakustischen zweiten Teil zu Überraschungen. Jochen Distelmeyer singt seine drei ersten rein englischsprachigen Songs und gibt nicht nur den alternden Countrystar auf Honky-Tonk-Tour durch das Hinterland ("The Reason"). Mit dem über elf Minuten mäandernden, standesgemäß aber weichgespülten Monumentalblues von "Nicht einsam genug" wandert er auch auf den Spuren Bob Dylans. Und er spendet Trost und Halt und Zärtlichkeit heute verstärkt auch als einfacher Folksänger mit Gespür für soziale Veränderungen und viel Empathie für die vom Leben Gebeutelten: "Ich sing für Dich / Und alle, die schon in den Abgrund schauen / Und Schicksalsstürmen gegenüberstehen / Die, auch wenn es vielleicht nicht mal zum Leben reicht, / Versuchen aufrecht ihren Weg zu gehen."

Jochen Distelmeyer ist also wieder da - und das ist sehr gut so.

Live im Wiener Fluc am 23. Oktober 2022. Tickets via oeticket.com.