Kate Bush. Scott Walker. Mark Hollis. Aldous Harding. Oder eben Regina Spektor: Große Individualisten - natürlich hier absichtlich nicht gegendert -, die, wie das so schön heißt, in keine Schubladen passen. Ihre Musik, die sich ebenso sprichwörtlich allen Kategorisierungen entzieht, dafür aber eifrig zwischen diesen zu irrlichtern pflegt, wird gerne als zeitlos bezeichnet. Im engsten Sinn stimmt das nicht, denn im Regelfall bildet sie die avanciertesten produktionstechnischen Standards ihrer Zeit ab, und gerade Regina Spektor hat von dieser Möglichkeit gerne und ausgiebig Gebrauch gemacht.

Indessen wird dieser Musik - und so wird "zeitlos" ja landläufig verstanden - ein über vergänglichen Profanitäten wie Tagesmoden stehender Status eingeräumt. Vielfach schöpft sie aus Quellen, die nicht unmittelbar mit Pop konnotiert sind, aus Jazz, Klassik, neuer E-Musik, diversen Volksmusiken.

Abgeschliffen

Die 1980 in Moskau geborene Regina Spektor greift etwa, speziell auf ihren ersten, selbstproduzierten, nur von einem Klavier begleiteten Platten aus den frühen Jahren dieses Millenniums, auf russisch-jüdische Folklore zurück. Aber auch Affinitäten zu Chanson wie Rap sind ihrem Werk anzuhören. Schließlich verträgt sich bei Regina Spektor - nicht ganz unähnlich der frühen Kate Bush - eine gewisse Kindlichkeit klaglos mit quasi-avantgardistischem Appeal.

Wundersamerweise hat Spektor, die mit ihren Eltern 1989 über Österreich und Italien nach New York emigrierte, rasch Aufmerksamkeit in der Anti-Folk-Szene im East Village erlangt. Seit ihrem vierten Album, "Begin To Hope", ist sie regelmäßiger Gast in den US-Billboard-Charts. Die Reife der Jahre, der Anker im familiären Hafen mit dem gleichfalls russischstämmigen Musiker Jack Dishel und zwei Kindern haben ihre Musik abgeschliffen: Noch immer animiert und vital, zuckt sie nicht mehr aus, sondern bewegt sich in einem kontrollierten Spannungsfeld. Spektors kehlige Stimme klingt heute melodiöser, beherrschter und macht, ohne an Volumen zu verlieren, mehr Gebrauch von den tieferen Lagen; die einst recht durchdringende Insistenz ihres Gesangs ist einer spielerischen Leichtigkeit gewichen.

Auch der Zugang zu ordentlichen Produktionsmitteln hat geholfen, Regina Spektor aus der Freak-Ecke zu holen. Ob ihr allerdings großer Bombast immer gut steht, sei dahingestellt: Die Streicher, die ihr neues Album "Home, Before And After" breitflächig behübschen, klingen stellenweise arg nach Klangtapete. Produzent John Congleton hatte allerdings auch einen schwierigen Job, denn während Spektor pandemiebedingt allein mit ihrem Klavier in New York in einer aufgelassenen Kirche aufnahm, befand sich das Orchester in Mazedonien - und Congleton versuchte das Ganze in Kalifornien zusammenzukleistern. Möglich, dass deshalb die Streicherarrangements bisweilen buchstäblich etwas aufgesetzt anmuten. Eine lässliche Sünde freilich angesichts des teils exzellenten Songmaterials.

Der Lauf der Natur

Auf ihrem achten Album verewigt Spektor einige bisher unveröffentlichte Live-Favoriten: den spektakulären, zwischen Klavierbegleitung und großer Orchestrierung lavierenden Opener "Becoming All Alone", in dem sie zwanglos ein Bier mit Gott imaginiert; das hübsche "Raindrops" oder das gewitzte "Loveology", in dem die Sängerin Alltagsbegriffe in Lehrfächer verwandelt: "You-ology, me-ology, love-ology, kiss-ology, stay-ology, please-ology, I’m-sorry-ology, forgive- me-ology."

Mit sprachlichen Jongleursakten (vermeintliche) Trivialitäten in Poesie zu verwandeln, ist Spektors vielleicht spektakulärstes Asset - ob sie nun "süße" Liebesfloskeln wie "Sugar Man" mit der physiologisch kaum widerlegbaren Erkenntnis, dass der Körper hin und wieder Zucker verlangt, kurzschließt, in der Sehnsucht eines Mannes nach einem Mädchen Allmachtsphantasien aufspürt oder Schritt für Schritt den Lauf der Natur vom Gigantischen zum Mikrokosmos verfolgt: vom Ozean zum Berg, vom Berg zum Wald, vom Wald zum Garten, vom Garten zur Blume, von der Blume zum Nektar, vom Nektar zur Antwort, von der Antwort zu einer anderen.

Die Musik folgt diesen Szenarien gefühlvoll und luzide unter gleichgültigem Verzicht auf konventionelle Strukturen. Und manchmal, wie im wunderschönen "What Might Have Been", passt es sogar mit den Streichern.