Schon einmal von Irma Thomas gehört? Nun, man könnte sie als die Sängerin kennen, die "Time Is On My Side" schon vor den Rolling Stones gesungen hat. Man könnte sie auch unter ihrem Ehrentitel "Soul Queen of New Orleans" kennen. Aber das wird wohl nur in den informiertesten Kreisen der Fall sein. Es war selbst für Irma Thomas eine Überraschung, als sie bei einem Konzert von jemandem im Publikum gebeten wurde, ihren Song "Anyone Who Knows What Love Is" aus dem Jahr 1964 zu singen. Sie sagte: "Wow, die Anfrage hab ich ja schon ewige Zeiten nicht mehr gehört", und sang das Lied. Dann fragte sie: "Auf welchem Album habt ihr das Lied denn entdeckt?" Und die Zuhörer sagten: "Auf gar keinem Album. Wir haben es in ‚Black Mirror‘ gehört." "Black Mirror" ist eine Netflix-Serie, die sich großer Beliebtheit erfreute, bevor sich die Welt selbst in eine Folge dieser subtil Gänsehaut verursachenden, dystopischen Show verwandelt hat. "Anyone Who Knows What Love Is" ist in verschiedenen Folgen zu hören, die Macher haben sich auch dazu geäußert: "Es klingt wie ein zeitloser Klassiker, der einen nicht loslässt, ist aber gleichzeitig den meisten Zuschauern nicht bekannt."

Nun, Letzteres hat sich geändert. Die Streamingplattform Netflix schafft es immer wieder, durch ihre Produktionen Songs ein zweites Leben einzuhauchen. Aktuell ist das bei Kate Bushs "Running Up That Hill" der Fall. Das Lied ist in der 80er-Nostalgie-Horrorserie "Stranger Things" ein rettender Anker für eine Hauptfigur. Fast 37 Jahre nach seiner Veröffentlichung ist es auf Platz eins der UK-Charts gelandet. Laut der Offical Charts Company hat es noch nie ein Song so viele Jahre nach seinem Erscheinen auf Platz eins geschafft.

Die recht frei interpretierte historische Serie "Bridgerton" schaffte Ähnliches, freilich ohne den Zeitrekord und die absolute Topplatzierung, mit Nirvanas "Stay Away". Shonda Rhimes’ Produktion mit den wogenden Busen und den erregten Adeligen ist ein Sonderfall, denn die Lieder, die sich hier für eine Renaissance anbieten, sind oft nur auf den zweiten Blick beziehungsweise auf das zweite Hinhören zu erkennen: Es handelt sich um Coverversionen im Streicherkleid, die dem 19.-Jahrhundert-Rahmen angepasst sind.

Irma Thomas, Profiteurin der Netflix-Serie "Black Mirror", und . . . - © afp / Gabriel Bouys
Irma Thomas, Profiteurin der Netflix-Serie "Black Mirror", und . . . - © afp / Gabriel Bouys
. . . Kate Bush, Chartstürmerin dank "Stranger Things". - © afp / Fish People / Trevor Leighton
. . . Kate Bush, Chartstürmerin dank "Stranger Things". - © afp / Fish People / Trevor Leighton

Zurück in die Charts gehievt

Netflix übernimmt hier eine Rolle, die früher das Kino oder die Werbung ausgefüllt haben. Unvergessen die Levi’s-Jeanswerbung, ein garantierter Zurück-in-die-Charts-Hiever in den 80er, 90er Jahren. So lernte eine neue Generation The Clashs "Should I Stay Or Should I Go" kennen oder auch Percy Sledges "When A Man Loves A Woman". Und "The Joker" von der Steve Miller Band (für alle, die dachten, das ist vom Ostbahn-Kurti, auch eine Erkenntnis).

Auch "Stand By Me" durchlief die Levi’s-Behandlung, aber Ben E. Kings 60er-Soulnummer benötigte die gar nicht. Denn sie hatte ja einen ganzen Film, der nach ihr benannt wurde und dessen Gefühlswelt sich an ihr festhielt: die Stephen-King-Verfilmung "Stand by me" aus dem Jahr 1986. Der Song wurde zu dem Anlass nicht nur noch einmal veröffentlicht, er bekam auch ein neues Musikvideo, in dem die jugendlichen Stars des Films River Phoenix und Wil Wheaton bei einem Konzert auf die Bühne zu King dürfen. Das katapultierte die sanfte Zusammenhalthymne auf Platz 9 der Charts, 25 Jahre, nachdem sie erstmals zum Hit geworden war.

Aber nicht nur "Stand By Me" hat sich multimedial noch einmal in den Ring geworden, auch ein anderer Song, der den Titel für einen Film hergab: "My Girl" von den Temptations. Die flotte Motown-Nummer, die das tragische Ende für Macauley Culkins Figur kess verschleiert, bekam ebenfalls ein ähnliches neues Musikvideo verpasst.

Hits der 1960er waren zu jener Zeit ohnehin der beliebteste Fundus, der dann auch bei der nächsten Generation entsprechend einschlug. Zweimal war Patrick Swayze schuld, also der Soundtrack von Filmen mit ihm. In "Dirty Dancing" feierte "Do You Love Me" (1962), ein Pop-Soul-Ohrwurm von The Contours, eine Auferstehung mit Wassermelone. Und in der Geisterkrimi-Lovestory "Ghost" wurde es zur "Unchained Melody" (1965) der Righteous Brothers an der Töpferscheibe schmutziger, als der Schmachtfetzen erwarten lässt.

In den vergangenen Jahren wurden solche Neuentdeckungen via Kinofilm rarer. Manche TV-Produktion schaffte eine Wiederentdeckung, wobei sich die Ära der Wahl ein paar Jahre weiterentwickelte: Die Musical-Serie "Glee" ließ etwa den 80er-Grölgassenhauer "Don‘t Stop Believin‘" in neuem Chartlicht erstrahlen. Die Social-Media-Plattform TikTok sorgte vor zwei Jahren für die wohl zeitgemäßeste Entstaubung eines Songs: In einem der dort massenhaft geteilten Videos wurde "Dreams" von Fleetwood Mac gespielt und neuerlich populär gemacht - in Anbetracht der besonders jungen Zielgruppe von TikTok wohl der nachhaltigste Generationensprung.

Fußball-Glücksbringer

Manchmal kommen die Wiederauferstehungen auch aus ganz und gar unerwarteten Ecken - Fußball zum Beispiel. Mancher wundert sich noch heute, warum Neil Diamonds "Sweet Caroline" plötzlich eine Fußball-Hymne geworden ist. Es lag daran, dass bei der Fußball EM 2021 der für die Beschallung des Wembley-Stadions zuständige Tom Perry dieses Lied gespielt hatte und es von Fans gleich als "Glücksbringer" adoptiert wurde. Diamond landete also wieder in den Charts, ebenso übrigens wie Baccara, deren "Yes Sir, I Can Boogie" schottische Fußballfans als Lobgesang auf ihr Team (das den Song in einem viralen Video zur Feier der Qualifikation geschmettert hat) eingesetzt haben.

Sehr selten freilich passiert das, was 2019 in Österreich passiert ist. Dass sich nämlich ein alter Hit quasi verselbständigt und sein neues Chartleben einfordert. Da braucht es halt eine Finca, eine versteckte Kamera, eine falsche Oligarchin und einen echten (späteren) Vizekanzler - und einen inoffiziellen Soundtrack von den Vengaboys aus den späten, aber bunten 90ern: Und jetzt alle: "We’re going to Ibiza!"