Geplant war dieser Abend anders. Nicht nur hätte er schon viel früher stattfinden sollen - so etwas ist mittlerweile Pandemie-Folklore im Live-Business. Nein, am Programm sollten zwei Konzerte stehen: zum einen ein doch spektakuläres Comeback von Hiphop-Ikone Lauryn Hill, zum anderen ein Live-Auftritt der Soulstimme Michael Kiwanuka. Eine luxuriöse Zusammenstellung, wären doch beide alleine schon Top-Acts. Aber Lauryn Hill sagte erwartungsgemäß ab - und so hatte Michael Kiwanuka das, was er verdiente: die volle Aufmerksamkeit.

Der britische Musiker nahm das Publikum beim Openair in der Wiener Metastadt, die dieser Tage eine Art Festival feiert, mit auf eine Zeitreise. Denn seine kraftvolle Soulmusik klingt in nicht wenigen Momenten so, als würde sie den Soundtrack für einen flirrenden 70er-Jahre-Blaxploitation-Film hergeben. Mit einer hübschen Dosis Psychedelik, wie die schwarz-weißen Hypnoseringe auf der Bühne, die eine spartanische Discokugel einrahmten, schon andeuteten. Mit Rose auf der Gitarre und Feldblumen am Schlagzeug zogen noch treffliche Blumenkind-Vibes auf, die sich mit den einschlägigen Duftkraut-Rauchschwaden im Publikum auch gut verstanden.

Michael Kiwanuka hat eine dieser Stimmen, die Schmerz, Zartheit, Aufrichtigkeit und Feuer mit einem einzigartigen Selbstverständnis vereint. Eine Stimme, die sich bestens dazu eignet, mit geschlossenen Augen und wippendem Kopf nichts anderes mehr wahrnehmen zu wollen. Manchmal sieht man dann vielleicht auch etwas vor dem inneren Auge, wie zum Beispiel tanzende Frauen und Männer in bunten Schlaghosen in einer dieser Musikshows der 70er, wie beim Song "Rolling", den seine Band und Backgroundsängerinnen mit Bongo-artigen Percussions, Rasseln, frechem "Nanana" und trillernden Gitarren noch einmal auf Technicolor aufrüschten.

Gebettet auf Summschwaden

Dieser wie ein Großteil der vorgetragenen Songs stammten aus Kiwanukas aktuellem Album von 2019, "Michael Kiwanuka". Etwa das druckvolle, rauschhaft dahinplingende "Hero", das sich der Frage stellt, wie sich "Heldentum" von Popstars in Beziehung zu Bürgerrechtlerheldentum stellen lässt. Oder das vor golden schimmernder Discokugel gesungene "Light", eine Hoffnungshymne, die Kiwanuka allen auf den Weg gab für die "harten Zeiten, die hinter uns liegen und die kommen". Mantrahafte Wiederholungen sind oft elementarer Teil von Kiwanukas Musik, sie geben etwa "I‘m A Black Man In A White World" die ganz besondere Energie. Noch typischer sind freilich die Summschwaden, auf die Kiwanuka gern seine Stimme bettet, etwa bei einem seiner bekanntesten Songs: "Cold Little Heart", als Titelmelodie für die Serie "Big Little Lies" bekannt geworden. Nicht nur das gab es als Zugabe für die ohnehin schon hingerissene Menge. Auch "Home Again", das Lied, mit dem Kiwanuka 2012 seinen Durchbruch erlebte. Das üppige Drama von "Love & Hate" war ein pulsierender Abschluss eines Abends, der perfekt hätte sein können, würden die Veranstalter die desaströse Parkplatzsituation lösen oder zumindest besser kommunizieren.