Tonlos eröffneten die Rolling Stones ihren Auftritt. Nämlich mit Einspielungen ihres verstorbenen Drummers Charlie Watts, der via Videowall direkt mit den Fans im Ernst-Happel-Stadion zu kommunizieren schien. Ein rührender, würdiger Auftakt eines Events im Zeichen des routinemäßigen Spektakels. "Das ist das erste Mal, dass wir ohne Charlie touren. Er fehlt uns sehr", sagte Sänger Mick Jagger in übrigens durchaus tadellosem Deutsch wenig später.

Watts´ Tod, aber auch Herzprobleme und eine eben erst überstandene Corona-Erkrankung Jaggers haben selbst die vermeintlich unverwüstlichen Rolling Stones mit einem Hauch von Hinfälligkeit angeweht. Die düstere Drohung der Endlichkeit ist wiederum der Nachfrage für ihre Tour im Zeichen ihres 60. Bühnenjubiläums dienlich - das Happel-Stadion war bis an den Rand voll.

Keith Richards war an der Gitarre präzise und messerscharf wie eh und je. 
- © APA/HANS KLAUS TECHT

Keith Richards war an der Gitarre präzise und messerscharf wie eh und je.

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Die Musiker zeigten sich indes unbeeindruckt von den unerbittlichen Gesetzen der Physik. Allen voran Jagger, dem zumindest motorisch nicht wirklich anzusehen ist, dass er nächstes Jahr 80 wird. Nach wie vor ist der Frontmann ein begnadeter Bühnenakrobat und als Sänger, auch wenn er sich bisweilen dezent um höhere Töne und Intensitätsverschiebungen herumschummelt, passabel in Form. Und schließlich hat der Mann einfach einen gewissen Witz. Schenkt man ihm Glauben, hat er sich´s in Wien wieder einmal recht gut gehen lassen. Tags davor, erzählt er, sei er im Schweizerhaus gewesen und habe dort ein Schnitzel und eine Sachertorte verdrückt. Dann habe er noch bei einem "Wüüürstelstand" (dieses Wort scheint es ihm mächtig angetan zu haben) Station gemacht und ein paar Ottakringer gestürzt. Zumindest ein Bier ist tatsächlich durch ein Foto auf Jaggers Twitter-Account belegt.

Der "Picasso des Praters"

Keith Richards gab einmal den Gegenpol zur Entertainer-Smartheit des Zeremonienmeisters. Als könne er es wirklich nicht fassen, zeigte sich das zweite noch verbliebene Gründungsmitglied der Stones überwältigt vom Enthusiamus des Publikums und stammelte, wie unglaublich es sei, doch wieder einmal in Wien zu spielen. Seine Gitarre kam präzise und messerscharf, wenn auch stellenweise überlaut, was sich besonders bei "Sympathy For The Devil", wo sie im Refrain ("pleased to meet you…") Jaggers Stimme übertönte, etwas störend auswirkte. Ron Wood, von Jagger bei der obligatorischen Präsentation der einzelnen Musiker nicht ganz ironiefrei als "Picasso des Praters" vorgestellt - Wood ist bekanntlich auch Maler - wirkte dagegen nicht immer besonders disponiert, brachte aber etwa "Paint It Black" mit schöner Sitar-Gitarre auf Vordermann.

Wie zahlreiche diesjährige Tourneen bekannter Künstler steht auch die "Sixty"-Tour der Stones ganz im Zeichen großer Hits. Das hastig als Corona-Soundtrack adaptierte, angefunkte "Living In A Ghost Town" mit tatsächlich unheimlicher Saxophon-Einlage von Begleitmusiker Karl Denson bleibt das einzige Zugeständnis an die einstens gängige Praxis, bei Konzerten tunlichst auch halbwegs aktuelles Material zu präsentieren. Im Happel-Stadion wurde das altersmäßig komplett durchmischte Publikum nicht einmal durch "selten gespielte" Songs überfordert - die Coverversion von Bob Dylans "Like A Rolling Stone", die Ballade "Slipping Away" aus Richards obligatorischen Zwei-Songs-Solo-Teil sowie das Trennungs-Drama "Wild Horses", das das Rennen beim Online-Voting gemacht hatte und ein recht imposantes Lichtermeer auf den Rängen auslöste - nahmen sich im Repertoire fast schon ausgefallen aus.

Ukrainischer Kinderchor

Ansonsten stammte der "neueste" Song - "Start Me Up", zugleich der letzte richtige Single-Smash-Hit der Stones - aus dem Jahr 1981. Die weiteren großen Hits - u.a. "Jumping Jack Flash", "Satisfaction", "Honky Tonk Women" (mit schönem Piano-Solo Chuck Leavells) oder "Miss You" (mit extensivem Solo des auch schon bald 30 Jahre in den Diensten der Stones werkenden Bassisten Darryl Jones) - fehlten genausowenig wie ein homöopathisch dosiertes Statement zum Weltgeschehen: Als Zeichen der Solidarität sang ein ukrainischer Kinderchor die feierliche Einleitung zur Zugabe "You Can´t Always Get What You Want".

Ungefähr eineinhalb Stunden, bevor die Stones die Bühne enterten, hatten Bilderbuch den Abend eröffnet. Das war gleichermaßen logisch wie gewagt. Schließlich ist das Wiener Quintett seit seinem triumphalen Auftritt in Schönbrunn bestens Open air-erprobt. Andererseits besteht ein Unterschied zwischen Headliner-Status und Support-Diensten für die legendärste Band der Welt: Das Publikum war zunächst reserviert; dazu kam der Sound, gelinge gesagt, suboptimal - was just Bilderbuchs von Präzision lebendem, HipHop-induziertem Funk-Rock nicht besonders gut tut. Solchen Unpässlichkeiten trotzte die grundsympathische Band aber heroisch mit Spielfreude, guter Laune und Espirit. Wie Sänger Maurice Ernst den Rock-Poser mimte und gleichzeitig umwerfend persiflierte, hatte Klasse, wurde schließlich auch vom Publikum akklamiert und bezeugte, dass Bilderbuch tatsächlich zu ganz Großem befähigt sind.