Tränen fließen als ein Vater vor der Stadthalle kein Ticket mehr ergattert. Unzählige Menschen stehen Schlange, um mit ein bisschen Glück doch noch eine Karte für das ausverkaufte Konzert am Samstagabend zu erhaschen – bereit, mehrere hundert Euro dafür aufzubringen. Harry Styles zieht die Menschen an wie aktuell kein anderer Künstler, doch wieso?

Von den ersten Sekunden an erheben sich die Fans und singen textsicher mit – so laut, dass sie dem Briten in nichts nachstehen. Die Stimmung als ausgelassen zu beschreiben, wäre eine Untertreibung. Immer wieder wendet sich der Musiker charmant an das Publikum und interagiert aktiv mit seinen Anhängern. "Singt, tanzt, lacht und seid, wer ihr immer schon immer sein wolltet", eröffnet Styles nach seinem Lied "Adore You". 

Bunter Mix an Stilen

Harry Styles als bloßen Teenie-Schwarm abzustempeln, wäre ein Fehler. Zwar huldigt er seiner Boyband-Vergangenheit mit "What Makes You Beautiful", doch der One-Direction-Song ist definitiv nicht Highlight der Show. Ein bunter Mix an Stilen, von rockig á la "Kiwi" bis zu funkigen Elementen und klassischen Pop Songs, gepaart mit einer nicht nachahmlichen Bühnenpräsenz sind sein Erfolgsrezept. Mit viel Schwung tänzelt Styles durch die Stadthalle und steht ähnlich wie das Auditorium keine Sekunde still. Er schafft, was andere nicht schaffen – zu vereinen. Er holt nicht nur junge Mädchen, sondern alle Generationen und Geschlechter ab.

Der für seine exzentrischen Outfits bekannte Sänger scheut nicht davor zurück, er selbst zu sein. Dazu ermutigt er auch seine Fans. Das Verhältnis von Künstler und Publikum ist ungewöhnlich eng. Styles ist nahbar. Mit einem Schild bittet Leonie um Hilfe zu ihrem Coming Out. Der Sänger erfüllt diesen Wunsch. "Danke, dass du diesen besonderen Moment mit uns teilst", sagt er, bevor er eine Pride-Regenbogenflagge über seinen Kopf schwenkt. Tabea ermutigt er indes, sich selbst zu vertrauen, nachdem sie ihm ihren Liebeskummer offenbart. Er nimmt sich Zeit für das Mädchen und die Interaktion wirkt nicht pro forma. Lukas widmet er das akustisch-klingende "Boyfriends" seines neuen Albums "Harry’s House". Während dem Pop/R&B Song "Lights Up", Teil seines 2019 erschienen Werks "Fine Line", hält die Menge Schilder mit verschiedenen Aufschriften, wie etwa "Ich bin einzigartig" in die Höhe. Es regnete regelrecht Herzen für Harry Styles - und nicht nur, weil herzförmige Luftballone auf die Bühne geworfen wurden.

Partystimmung am Wohlfühlkonzert

Das Wohlfühlkonzert stützt sich jedoch nicht nur auf das unglaubliche Charisma des 28-Jährigen. Er überzeugt mit einer kraftvollen Stimme, seinen Fertigkeiten an der Gitarre sowie energiegeladenen Bewegungen und wirkt dabei, als ob er selbst am meisten Spaß hätte. Obwohl "Harry’s House" in mehr als 17 Ländern auf Platz 1 der Albumstarts einstieg, baute das Set wenig auf dem Werk auf. Das ist auch gar nicht nötig. Stattdessen mischt die Bühnenshow gekonnt Partystimmung mit gefühlvollen Momenten. Neben Klassikern wie die Rockballade "Sign of the Times" und der discoesquen Cunnilingus-Hymne "Watermelon Sugar" präsentiert er neuere Hits wie den gefühlvollen "Mathilda" und dem Nummer 1 Hit "As It Was".

Die Fans lieben den Entertainer nicht wegen seiner Boyband-Vergangenheit. Auch nicht wegen seiner Turbo-Bühnenpräsenz oder der kraftvollen Stimme – oder zumindest nicht nur. Sie lieben ihn, weil er ihr "Safe Place" sein kann. Er steht für einigende Offenheit. Ob im exzentrischen Kleid am Cover der "Vogue" oder im Kiwishirt mit seinen Armen voller Tattoos und Federboa auf der Bühne – Styles macht, worauf er Lust hat. Einst arbeitete der Popstar in einer kleinen Bäckerei – heute bedankt er sich beim Publikum, dass es sein Leben verändert hat und man glaubt es ihm. Zwei Wörter, wieso der den Hype um Harry unbegrenzte Ausmaßen annimmt– er ist authentisch und inklusiv. Man muss kein One Direction Fan sein, um Styles zu lieben.