Nachdem im Sommer des Jahres 1982 die Nato-Gipfelkonferenz in Bonn stattfand, begleitet von der bis dato größten Friedenskundgebung in der damaligen BRD, wurde in selbem Land im Herbst Kanzler Helmut Schmidt (SPD) von CDU-Politiker Helmut Kohl abgelöst.

Die Fußballweltmeisterschaft in Spanien machte Italien zum dritten Mal zum Weltmeister (3:1 gegen die BRD). Und zwei Ikonen der Leinwand verabschiedeten sich auf tragische Weise: Romy Schneider, die Ende Mai unter nicht ganz geklärten Umständen starb, und die Fürstin von Monaco, die frühere US-Schauspielerin Grace Kelly, die bei einem Autounfall ums Leben kam.

Am Ende waren auch Abba, aber aus rein persönlichen Gründen. Und Nicole gewann beim 27. Eurovision Song Contest im englischen Harrogate mit ein "Ein bisschen Frieden". Die viel lohnendere und nachhaltigere Musik kam in diesem Jahr aber unter anderen von diesen Interpreten.

Michael Jackson: Thriller

Was immer man von der Person hinter den Songs halten mag: Am popkulturellen Phänomen Michael Jackson führt kein Weg vorbei, und "Thriller" war das Raumschiff, mit dem Jackson in jene Höhen flog, wo ansonsten nur noch die Beatles und Elvis Presley schweben. In Europa wussten damals wenige, dass Jackson 1982 bereits seit 18 Jahren Profimusiker gewesen war, zuerst mit seinen Geschwistern von den Jackson 5 und danach als Solokünstler.

Mit "Thriller" wollte Jackson eine Platte machen, auf der jeder Song eine "Mördernummer" (Jackson) sein sollte, und das gelang ihm auch. Von der perfekten Produktion durch Quincy Jones über die geniale Fusion aktueller musikalischer Trends bis hin zu den revolutionären Musikvideos, für die Jackson damalige Top-Regisseure wie John Landis engagierte, war das Album eine Art generalstabsmäßig geplanter Coup, dessen Ziel es war, seinen Interpreten zum "King of Pop" zu krönen. Das klappte. Bis heute ist "Thriller" das meistverkaufte Album der Musikgeschichte.

Paul McCartney: Tug Of War

War Michael Jackson der König des Pop, so war Paul McCartney dessen Kaiser, und nachdem mit der Ermordung John Lennons der einzige ernstzunehmende Thronprätendent aus dem Bild war, ist er das bis heute, auch wenn der Titel bald nur mehr Symbolgehalt haben sollte. "Tug Of War" war die letzte künstlerisch wie kommer-ziell wirklich relevante Platte des Ex-Beatle, und es war ein fantastisches letztes Großwerk.

McCartney holte für dieses Album den alten Beatles-Produzenten George Martin an Bord, was eine gute Entscheidung war, denn "Tug Of War" klingt bis heute verblüffend frisch und lebendig. Außerdem kam von Martin die schon in den 60ern so erfolgreiche Geheimzutat, die die Beatles erst zu den Beatles machte, nämlich geschmackvoll geschriebene und perfekt an die Songs angepasste Arrangements mit Streichern und Bläsern.

Mit "Ebony And Ivory", dem zuckersüßen Duett mit Stevie Wonder, hatte die Platte auch McCartneys letzten globalen Superhit aufzubieten.

Falco: Einzelhaft

Das Nachfolgealbum "Junge Römer" mag musikalisch raffinierter gewesen sein und "Falco 3" war dank "Amadeus" der Überdrüber- Super-Seller, aber die Bedeutung von Falcos Debüt sollte man nicht unterschätzen. Zusammen mit Produzenten und Komponisten Robert Ponger spielte der vormalige Bassist von Drahdiwaberl eine Platte ein, die nicht nur 40 Jahre später immer noch aktuell klingt, sondern die als eine der wenigen österreichischen Werke die Popmusik weltweit beeinflusste.

"Der Kommissar" war nicht nur ein internationaler Hit, sondern bewies auch, dass Rapper nicht zwingend eine schwarze Hautfarbe haben mussten. Auf "Einzelhaft" gibt es keine langweilige Nummer und Hans Hölzel alias Falco schaffte es trotz hörbarer David-Bowie-Einflüsse, mit seinem Wienerisch-Hochdeutsch-Englisch-Rap, smarten Texten, Ohrwurm-Hooks und der charismatischen Coolness seiner Bühnenperson, einen eigenen, unverkennbaren Stil zu entwickeln.

Donald Fagen: The Nightfly

Nachdem sich sein Steely Dan-Partner Walter Becker für ein 15 Jahre dauerndes langes Wochenende auf Hawaii zurückgezogen hatte, wollte Donald Fagen nicht einfach die Hände in den Schoß legen und veröffentlichte daher sein erstes Soloalbum. "The Nightfly" wurde mit denselben Top-Studiomusikern eingespielt, die schon für Steely Dan gearbeitet hatten - und klang auch ganz wie eine neue Veröffentlichung des Pop-Jazz-Outfits, nur noch eine Spur jazziger und smoother.

Das Album verkaufte sich blendend und stillte den Hunger einer erwachsenen Zuhörerschaft nach perfekt produziertem Erwachsenen-Pop. Fagans Texte waren nicht so schneidend intellektuell und zynisch wie auf seinen Steely-Dan-Songs, aber immer noch cleverer als 95 Prozent dessen, was sonst im Radio lief.

Bad Religion: How Could Hell Be Any Worse?

Während Punk als Musikrichtung in Europa in den letzten Zügen lag, wurden die amerikanischen Punkrocker gerade erst richtig munter. Bad Religion, eine Band aus Los Angeles, schuf mit anderen jungen Wilden den Gegensoundtrack zum überproduzierten, glatten 80er-Jahre-Kommerz. Das Debüt der Band ist so weit entfernt von Madonna und Phil Collins, wie es nur irgendwie geht. Songs wie "We’re Only Gonna Die" oder "Fuck Armageddon... This Is Hell" knallen aus den Lautsprechern mit dem gerechten Zorn einer Generation, die live erlebte, wie Politiker die Weichen für jene ökologische und soziale Katastrophe stellten, die wir nun, 40 Jahre später, erfahren müssen. Wut-Musik, aber nicht für sogenannte Wutbürger, sondern für jene, die wirklich Grund zum Grollen haben.

Bruce Springsteen: Nebraska

1982 war Bruce Springsteen in den USA schon ein großer Star. Nach dem Erfolgsalbum "The River" dachten viele, "The Boss" würde nun jene Platte produzieren, die ihn zum Arenen füllenden Superweltstar machen würde. Das würde aber erst zwei Jahre später geschehen. 1982 präsentierte Springsteen überraschend diesen Songzyklus, aufgenommen nur mit akustischer Gitarre und Mundharmonika.

Die Lieder behandelten Amerikas Nachtseite, erzählten von Serienmördern, Menschen in miesen Jobs ohne Aussicht auf eine Karriere, von ausweglos Verschuldeten, von der quälenden Demütigung des Aufwachsens in Armut und vom politischen Wahnsinn, der sich wie eine ansteckende Krankheit langsam von den Radio-Talkshows ausgehend im ganzen Land verbreitete. Eine schwer zu ertragende Platte, eine prophetische Platte, eine großartige Platte.

Richard & Linda Thompson: Shoot Out The Lights

Es gibt einige sehr gute Alben über Scheidungen und andere Beziehungskatastrophen, aber nur sehr wenige, auf denen ein Ehepaar seine eigene Trennung abhandelt. "Shoot Out The Lights" ist eines dieser raren Exemplare. In ihren zehn Ehejahren hatten die Thompsons zwar einige der besten britischen Folkrock-Platten geschaffen, aber sich auch in Selbstfindungsexperimenten zunächst mit Drogen und dann mit Religion aufgerieben. Das Paar verbrachte einige Jahre in einer Landkommune, die sich dem islamischen Sufismus verschrieben hatte, verließ diese aber auf Drängen Lindas.

Richard blieb praktizierender Muslim (und ist es bis heute), wenn er auch vermied, extreme Positionen zu vertreten wie etwa sein Kollege Cat Stevens. Aber die Ehe war hinüber. Man schied im Zorn, blieb aber musikalisch zunächst zusammen, und so ist "Shoot Out The Lights" auch voller Bitterkeit und Zynismus. Aber: Die Musik und die Produktion klingen energetisch und positiv und waren ein bedeutender Einfluss, vor allem für R.E.M., die auf einigen Alben sehr ähnlich klingen wie Richard und Linda auf diesem.

Lou Reed: The Blue Mask

Der ehemalige Frontman der Velvet Underground veröffentlichte seit Anfang der 70er Jahre zwar regelmäßig Soloplatten, aber von neun Alben waren nur drei durchgängig exzellent. Das ist wenig, da wir hier von Lou Reed reden, den man, ohne zu übertreiben, ein Genie nennen kann.

1982 brachte Reed erstmals seit "Street Hazzle" wieder ein Werk heraus, das den hohen Ansprüchen von Fans und Kritikern genügte. Begleitet von Top-Musikern wie dem Bassisten Fernando Saunders, singt Reed über verstorbene Mentoren ("My House"), Alkoholismus ("Underneath The Bottle"), Drogenentzug und Angststörungen ("Waves Of Fear") und, leider bis heute aktuell, Schusswaffenbesitz ("The Gun").

Iron Maiden: The Number Of The Beast

Dieses Album markierte nicht nur den internationalen Durchbruch der britischen Schwermetaller um Sänger Bruce Dickinson, sondern war gleichzeitig der Höhepunkt der New Wave of British Heavy Metal und der Wegweiser in Richtung des modernen Metal, nach dem sich viele Bands des Genres in den folgenden Jahren und teilweise bis heute richten sollten.

In den USA fiel die Veröffentlichung der Platte mit der gerade um sich greifenden "Satanic Panic" zusammen und wurde zur Zielscheibe fanatischer christlicher Gruppierungen, die Kopien des Albums öffentlich verbrannten und sogar Konzertbesucher/innen belästigten. Damit erreichten die Frommen freilich das Gegenteil und trugen nur zur Popularität von Iron Maiden vor allem unter männlichen Jugendlichen bei.

Captain Beefheart: Ice Cream For Crow

Don Van Vliet alias Captain Beefheart war einer der wenigen wirklich kompromisslosen Avantgardisten des Rock’n’Roll und machte auch auf diesem, seinem letzten Album keinerlei Zugeständnisse an den Massengeschmack. "Ice Cream For Crow" ist schwer zugänglich, aber wer sich traut, wird mit einer ungeheuer kreativen Mischung aus Blues, Jazz, Rock und E-Musik belohnt. Wie ein gewaltiges Feuerwerk explodieren die Noten und verwinkelten Harmonien.

MTV lehnte das Musikvideo zum Titelstück übrigens mit der Begründung ab, es sei "zu seltsam". Nach dieser Platte zog sich Van Vliet vom Musikgeschäft zurück, wurde Maler und verdiente mit seinen Gemälden wesentlich mehr als mit seiner Musik.