"Hallo ihr Motherfucker, habt ihr mich vermisst?" So liebevoll begrüßt Lizzo ihre Fans auf ihrem neuen Album "Special" im Song "The Sign". "Seit 2020 war ich zuhause. Ich habe getwerkt und mir Smoothies gemacht - man nennt das Heilung." Ein Pandemie-Rückblick, wie ihn nicht jeder für sich unterschreiben kann. Bei Lizzo geht er noch so weiter: "Ich fühle mich auch besser, seit ihr mich zuletzt gesehen habt. Ich hab trainiert und mein Hintern ist jetzt flexibel, wenn ich den schüttel, dann schüttel ich den richtig schnell."

So, und damit ist schon recht viel über Lizzo und ihre Musik gesagt. Da ist zum einen dieses gigantische Selbstbewusstsein ("ihr Motherfucker"), dass einen mit mindestens so viel Power umbläst wie das Talent der 34-Jährigen. Dann ist da das Schlagwort "Healing", das sich einreiht in die Begrifflichkeiten der "Body Positivity", die die simple Botschaft verbreitet, dass man sich auch schön finden kann oder besser gesagt muss, wenn man nicht den regulären Schönheitsidealen entspricht. Und wie zum Beispiel Lizzo ein bisschen mehr Hüftgold aufzuweisen hat als die Durchschnitts-Chartstürmerin. Was aber Lizzo wiederum nicht anficht - siehe Songtext oben. Sie sieht das im besten Fall pragmatisch: Mehr Hintern heißt, mehr da zum Wackeln.

Hier hält sie einmal kurz still: Lizzo. - © US Atlantic
Hier hält sie einmal kurz still: Lizzo. - © US Atlantic

Wackelgefahr für Bikinis

Apropos: Viel gewackelt wird auch bei einer Tanz-Challenge, die die schlaue Geschäftsfrau, die Lizzo natürlich auch ist, losgetreten hat: TikTok-Creator Jaeden Gomez erfand zu den Takten der das Album ankündigenden Single "About Damn Time" eine spezielle Choreografie, die die Sängerin dann in einem eigenen Video aufgriff. Da wird der Oberkörper so energisch gebeutelt, dass durchaus ernste Sorge um den Halt des Bikinioberteils besteht. Tausende haben es ihr auf dem Sozialen Medium mittlerweile gleichgetan - was bedeutet, dass auch Abertausende auf diesem Weg ihr Lied kennengelernt haben. Aber Lizzo weiß auch, wenn sie jemandem etwas schuldig ist: Bei ihrem Auftritt in der "Late Late Show" von James Corden - er lädt Musikstars zum Karaoke-Singen in sein Auto - wurden auch diese Tanzschritte geübt. Und plötzlich war auch die ursprüngliche Schöpferin da und wurde mit ehrerbietendem Abklatschen von Lizzo vorgestellt. Davor hatte Letztere im Auto fast einen Nervenzusammenbruch, weil ihr Corden vormachte, er könne ihr absolutes Hyper-Idol Beyoncé mal eben so anrufen.

Lizzo, geboren als Melissa Viviane Jefferson in der Soul-Stadt Detroit, ist also gescheit, beeindruckend und sympathisch. Ach ja und Querflöte spielt sie auch. Und dann hat sie noch eine Eigenschaft, die sie - nicht nur, aber besonders - in Zeiten wie diesen wertvoll macht: Ihre Musik macht auf eine beglückend überraschende Weise einfach froh.

Keine Konfektion

Nicht nur, weil ihre Texte mit einem frechen Humor ausgestattet sind (in ihrem bisher berühmtesten Hit "Juice" widmet sich ihrer eigenen üppigen Pracht mit so kulinarischen Versen wie: "No, I’m not a snack at all/ I’m the whole damn meal", was so viel heißt, wie: "Ich bin keine Jause, ich bin ein Mehrgangmenü"), sondern auch weil ihr Mix aus Soul, R‘n‘B, Hip Hop, Disco mit einer erhebenden Leichtigkeit daherkommt. Auf dem neuen Album "Special" (Warner) ließ sie sich für diesen Sound von bewährten Hitfabrikanten wie Max Martin und Mark Ronson unterstützen. Trotzdem klingen die Songs nicht nach Hitparaden-Konfektion. Manches hat eine klare Referenz, etwa "Coldplay", das den Song "Yellow" von ebendieser Band sampelt, oder "Break Up Twice", bei dem man sich an Lauryn Hills "Doo Wop (That Thing)" erinnert fühlt. Es gibt nur ein balladenartiges Lied, "Naked", das sich erneut mit dem Thema (viel) Körper befasst. Der Rest des mit 32 Minuten recht kurzen Albums ist eine flotte Party der Selbstliebe.

Und immer wieder nennt sich Lizzo eine "Bad Bitch", frei übersetzt eine Frau, die sich nichts gefallen lässt. Das kann man im Nachhall der Abtreibungsentscheidung in den USA als politisches Zeichen werten. Oder man kann es als allgemeingültiges Signal an Frauen hören: Aufmucken, den Mund nicht verbieten lassen, und wenn wer immer noch nicht spurt: aufessen.