Das erstmals im Jahr 2010 ausgetragene Popfest ist längst zu einem Fixpunkt der heimischen Szene geworden - trotz jährlicher Kritikpunkte, von denen man sich bei nach wie vor freiem Eintritt auch an den vier kommenden Spieltagen ebenso überzeugen kann wie von seinen Vorzügen. Ein kleines ABC zur Einstimmung.

Austragungsort: Für seine mittlerweile 13. Saison kehrt das Popfest zu seinen Wurzeln zurück. Auch wenn mit dem Wien Museum eine traditionelle Location baustellenbedingt weiterhin pausieren muss, ist die Veranstaltungsreihe auf dem Wiener Karlsplatz und in den diversen umliegenden Spielstätten (Künstlerhaus, TU Wien, Karlskirche ...) bestens aufgehoben.

Nach einer abgespeckten Pandemiesaison im Vorjahr in der Arena wird es also auch zu einer Wiederbegegnung mit der sogenannten Seebühne kommen. Die augenzwinkernd benannte Mainstage am Teich erinnert an alte Unterhaltungsschlachtrösser zwischen Bregenz und Mörbisch, während ein Epitaph auf dem Areal des ehemaligen "Bürgerspitals- oder Armensünder-Gottesackers" dessen eigentlichen musikalischen Hausherren hochleben lässt. Sagen wir so, die ewige Ruhe hätte sich Antonio Vivaldi (begraben auf dem heutigen Karlsplatz am 28. Juli 1741) vermutlich anders vorgestellt.

Diversität: Mit dem Wort "Hausherr" dürfte man sich am Popfest übrigens schwertun. Immerhin will man vor allem die "Diversität der großartigen österreichischen Popkulturszene feiern" und meint damit nicht nur die volle stilistische Bandbreite zwischen dräuendem Noise von Abu Gabi und an Acts wie Charli XCX geschultem Hyperpop von Anthea, den Rap-Entwürfen von Crack Ignaz und Ebow sowie lokal gefärbtem Indierock (Zinn), Elektronik (Cid Rim) und feministischem Quengel-Punk (Schapka). Auch wird dabei, wie es heißt, die "Lücke zwischen Repräsentation und Agitation" ins Auge gefasst.

Löblicherweise lässt etwa die hohe Frauenquote im Line-up traditionelle Pop-Großfestivals ziemlich alt sehen. Mit einer Reihe an zugezogenen Acts wie Rapperin Zion Flex aus Bristol oder Ebru Düzgün alias Ebow ("Kanak 4 Life") aus München-Giesing präsentiert sich die heimische Szene außerdem als heutiges Update eines Umstands von gestern: Unsere schöne Wienerstadt war schon immer als (kultureller) Schmelztiegel bekannt.

Dazu kommt heuer aber auch eine Art Schwerpunkt auf nicht binäre und Transidentitäten um etwa Kerosin95 mit dem Auftakt-Slot am Donnerstag und im Rahmenprogramm. Wobei vor allem Vorträge und Panels zu Themen wie "Niemand wird gecancelt" (kein Fragezeichen) und "Pop nicht-binär" erklären dürften, wohin das Pendel zwischen Repräsentation und Agitation ausschlägt. "Während durch konservative Diskurse nach wie vor Ängste rund um ,Genderwahn‘ und ,Transgenderideologie‘ spuken (...), ist die Popkultur - mal wieder - Lichtjahre weiter."

Vergeblich sucht man dafür nach dem sogenannten neuen Wienerlied, historisch verdienten Pop-Altvorderen oder brachialen Klängen mit Testosteronhintergrund. Dafür legen es Schelm*innen wie W1ZE (gleichfalls am Eröffnungsabend) zeitgemäß genderfluid und hörbar sex-positiv an: "I got the real juice."

Dalia Ahmed und Andreas Spechtl haben das Popfest 2022 kuratiert. 
- © Yavuz Odabas

Dalia Ahmed und Andreas Spechtl haben das Popfest 2022 kuratiert.

- © Yavuz Odabas

Kuratorenduo: Für das Programm und dessen Ausrichtung, bei der künstlerische Aspekte vielleicht nicht durchgehend vor ideologische gereiht wurden, zeichnet heuer wieder eine Doppelspitze verantwortlich. Bei Andreas Spechtl, der das Popfest sowohl als Solomusiker als auch mit seiner Band Ja, Panik auch aus der Bühnenperspektive kennt, und der Musikjournalistin und Radiomacherin Dalia Ahmed (FM4) handelt es sich bereits um das achte Kuratorendoppel - nach drei Saisonen unter Robert Rotifer und einem Jahr Patrick Pulsinger.

Neuigkeiten: Neben einem Freiluft-Soundsystem hinter der Hauptbühne, einem Ambient-Pop-up von Wolfgang "Lehmann" Möstl sowie neuen Spielorten wie dem Ella-Briggs-Saal oder dem Club U will das Popfest diesmal "auf hierarchiefreie Weise neue Erfahrungsräume schaffen", heißt es. Ausnahmsweise nicht in-, sondern exklusiv nehmen sich hingegen die "Vinylograph Sessions" aus, bei denen man Acts beim Erarbeiten und Aufnehmen neuer Musik beobachten und die Ergebnisse noch vor Ort als Unikate in Schallplattenform auch erwerben kann. Toll!

Tipps: Außerdem empfohlen - und noch zu entdecken: Die atmosphärische Schredderelektronik des japanisch-österreichischen Produzenten Kenji Araki und seines heuer erschienenen Debütalbums "Leidenzwang" (Sa, 1 Uhr, TU Prechtlsaal); sinnlich-entspannter R&B und Neo-Soul nach internationalem Vorbild von Adaolisa (Do, 0 Uhr, TU Prechtlsaal); Lan Rex auf den hallgetränkten Wave-Spuren der 1980er Jahre (Sa, 23:30 Uhr, Ella-Briggs-Saal). Und natürlich Culk-Sängerin Sophie Löw als Solo-Act unter dem Alias Sophia Blenda (So, 21 Uhr, Karlskirche).

Volksfeststimmung: Mitunter hat das großzügig subventionierte Popfest als Gratisfestival mit viel Laufkundschaft für das musikinteressierte Publikum dann doch seinen Preis. Vor lauter Gequassel und bei nach oder zwischen den Corona-Sperren auch allzu verständlicher Party- und Volksfeststimmung ist die Musik nicht selten Nebensache. Anlässlich der mehr als 50 Acts könnte man, auf gut Wienerisch gesagt, aber ruhig auch einmal den Suppenschlitz halten. Heast!