Das scheint also gerade auch in Mode zu sein: Eventuell etwas länger keine Musik zu veröffentlichen und dann gleich zwei neue Alben. Nach der Ankündigung der Red Hot Chili Peppers für ein nächstes Album im Steuerjahr 2022 ist jetzt Jack White an der Reihe.

Der ehemalige Sänger, Gitarrist und Songwriter der gemeinsam mit seiner Ex-Frau Meg White betriebenen White Stripes ist mit "Fear Of The Dawn" erst im April wieder zu alter Form aufgelaufen, indem er den überkandidelten und teils nervtötenden Ton seines bis dahin letzten musikalischen Lebenszeichens "Boarding House Reach" von 2018 deutlich zurückfuhr und sich stattdessen wieder auf das Songwriting konzentrierte.

Keine Fragen mehr

Bei dem soeben erschienenen Nachfolger mit dem sensationellen Titel "Entering Heaven Alive" handelt es sich nun um eine Art Schwesternstück, das auf alten Folktraditionen basiert und einen semiakustischen Ton anschlägt, mit dem sich zwangsläufig etwas weniger Schabernack treiben lässt als mit diversen Effektgeräten und unter Starkstrom. So entspannt und unaufgeregt wie hier hört man den heute 47-Jährigen eher selten.

Zwar wird seine Stimme zumindest auf einem der elf in vierzig Spielminuten gereichten Songs gegen Ende dann doch noch brechen. Der Logik des Albumtitels folgend, begegnen wir im recht wahrscheinlich für eine Country-Kaschemme geschriebenen "Please God, Don’t Tell Anyone" einem alten Sünder auf der Suche nach Vergebung. Vor allem aber sollten seine Missetaten vor der Verwandtschaft verborgen bleiben - was dann auch die zittrige Stimme erklärt: "When my father gets to Heaven, please spare him the telling / Of the ways I’ve been sinning ever since the beginning / He won’t understand and even if he did, I’m still his son ..."

"Entering Heaven Alive"-Albumcover 
- © Third Man Records

"Entering Heaven Alive"-Albumcover

- © Third Man Records

Im Gegensatz zu "Fear Of The Dawn", dessen Titel sich in zahlreichen nächtlich gestimmten Songs eindeutig spiegelte, geht es bei "Entering Heaven Alive" aber nur an eineinhalb weiteren Stellen explizit in Richtung Jenseits. Während Jack White in der hübschen vierten Vorab-Single "If I Die Tomorrow" Persönliches für die Zeit nach seinem Ableben ordnet, heißt es gleich zum Auftakt mit "A Tip From You To Me" zwischen Honky-Tonk-Klavier und Humpelbass sowie mit entsprechender Vintage-Patina: ",Ask yourself if you are happy and then you cease to be‘ / That’s a tip from you to me / And it’s worked for sure / I don’t ask myself for nothing anymore." Besser keine Fragen mehr!

Der eigentliche inhaltliche Schwerpunkt aber liegt anderswo. Man hört den zart-zärtelnden, friedlich gestimmten neuen Songs doch recht deutlich an, dass White heuer wieder geheiratet hat. Auch wenn Ehe Nummer drei, diesfalls mit der US-Musikerin Olivia Jean, erst besiegelt war, nachdem die Songs geschrieben wurden, handeln hörbar als Liebesbekenntnis angerichtete Stücke wie "All Along The Way" oder "Help Me Along" von gemeinsamen Lebenswegen, schnödem Beziehungsalltag ("Pass me the bread and the brown sugar cubes / And I’ll butter your toast while you take off your shoes") und, wie vor allem in "Love Is Selfish", von den Herausforderungen, die dabei lauern. "I’m on a train, but I can not rest upon it / I’m on a train, but it won’t stay on the rails." Nach zwei erfolgreichen Scheidungen dürfte der Mann wissen, wovon er singt.

"I’ve Got You Surrounded (With My Love)", das eher gruselig über einen zweifelhaften Verehrer berichtet, ist hingegen nicht autobiografisch gefärbt. Jack White ändert dafür Tonfall und Atmosphäre und schleicht sich wie der Teufel von hinten an. Geisternd, fiebrig und mit angejazztem Klavier collagiert, kommt dabei für einen Moment auch die Akkubohrergitarre wieder ins Spiel. Allerdings lässt der gelernte Polsterer aus Detroit, Michigan, auch diesen Song nicht explodieren - obwohl er es könnte.

Nach der (unbeabsichtigten?) Paraphrase des alten Beck-Haderns "Tropicalia" im südamerikanisch angehauchten "A Madman From Manhattan" gibt es zum Abschluss dann noch einen Ragtime-Shuffle: Bei "Taking Me Back (Gently)", das mit den ersten Tönen aufhört, mit denen vor gut drei Monaten "Fear Of The Dawn" begann, regiert gemeinsam mit einem ruralen Streichtrio noch einmal die Spiellaune.

So gut wie alle anderen Instrumente wurden selbstverständlich wieder von Jack White allein eingespielt - der das Album natürlich auch selbst produziert hat.