Popmusik bildet: Als Lady Godiva ihren Ehemann bat, das Volk von der erdrückenden Steuerlast zu befreien, sprach Leofric, der Earl of Mercia, ungefähr so: "Weib! Reite nackt durch die Stadt, und ich werde die Abgaben reduzieren." Und so geschah es.

Die Legende aus dem Reich des englischen Adels aus dem 11. Jahrhundert inspirierte in der Folge nicht nur diverse Schriftsteller und Maler zwischen Alfred Tennyson, John Collier und Salvador Dalí. Aktuell sieht man auch den größten weiblichen Popsuperstar unserer Zeit in Lady-Godiva-Pose. Auf dem Cover ihres neuen Albums sitzt Beyoncé nur von einer Kette bekränzt, ansonsten aber splitterfasernackt, auf einem Pferd.

Lebenslust

Was will das bedeuten? Schließlich bekleidet (interessante Redewendung übrigens in diesem Zusammenhang!) auch ihr Ehemann eine Machtposition. Wobei Jay-Z als einfacher Rap-Milliardär von der Straße eher keine Steuern eintreibt. Exegeten der gerade noch 40-jährigen US-Sängerin fanden im Vorfeld der Veröffentlichung daher noch zu einer anderen Deutung. Der Pferderitt Bianca Jaggers durch das Studio 54 im Jahr 1977 steht, wenn auch bekleidet absolviert, synonym für die New Yorker Discoszene der zweiten Hälfte der 1970er Jahre.

"Renaissance"-Albumcover mit Pferd und Sängerin. 
- © LA Jacobs

"Renaissance"-Albumcover mit Pferd und Sängerin.

- © LA Jacobs

Tatsächlich wildert das nun also vorliegende neue und insgesamt siebente Studioalbum aus dem Hause Beyoncé dann auch recht ungeniert in der entsprechenden Kulturgeschichte. Disco, Funk und Soul liefern die Grundlage für einen - mitunter - eklektischen Brückenschlag in Richtung Moderne. Der Albumtitel "Renaissance" (Sony Music) bezieht sich durchwegs im Stilepochensinn also auf die Wiedergeburt einer antiken Hinterlassenschaft, diesfalls unserer heiteren Popkultur. Einerseits. Andererseits schien es Beyoncé bereits in der Albumankündigung ein Anliegen zu sein, damit eine Phase der sich wieder Bahn brechenden Lebenslust auszurufen.

Auf die Zwölf

Und immer, immer wieder geht die Sonne auf: Ob es besonders schlau ist, ausgerechnet während einer keineswegs überstandenen Pandemie, die in ein Zeitalter der Polykrisen fällt, das jetzt auch Krieg auf europäischem Boden bedeutet, ein Partyalbum vorzulegen, ist zwar fraglich. Allerdings feiert die Dekadenz bekanntlich immer kurz vor dem Untergang fröhliche Urständ. Geht scho, gemma, Voigas: Zwischen heftigem Subbassgerüttel und motivierenden Abzählreimen geht Beyoncé daher gleich einmal auf die Zwölf.

Ihrem irgendwann entdeckten politischen Anspruch wird das natürlich nicht gerecht. Angesichts der matten Vorabsingle als diesbezüglichem Ausreißer ist das aber auch besser so. Während Beyoncé mit "Break My Soul" die House- und Voguing-Wiedergänge Madonnas ab den späten 1980er Jahren als lauen Aufguss für sich entdeckt, empfiehlt die neureichste aller Popdiven im Spätkapitalismus hier allen Bitches da draußen, ihre Nine-to-five-Jobs doch einfach so hinzuschmeißen. Dass echte Menschen ihre Arbeitsstellen aber noch brauchen, um ihre Fixkosten damit gerade so abzudecken, scheint sich im Haushalt Carter/Knowles noch nicht herumgesprochen zu haben.

Neben diesem und ähnlichem "Empowerment" der fragwürdigen Sorte, das bei Beyoncé selbst regelmäßig zu Musik führt, die mit den Behauptungen der Marketingebene nicht Schritt hält, ist es aber vor allem auch eines, das auf "Renaissance" ins Auge (und Ohr) sticht: Mangelndes Selbstbewusstsein scheint, vorsichtig gesagt, nicht das Problem unserer Heldin zu sein. Präsentiert sich Beyoncé zum Auftakt als "THAT Girl", um sich auch im Anschluss in erster Linie selbst zu bespiegeln ("So cozy / I love me / They hate me / Because they want me"), lautet der Hattrick bereits bei Song Nummer drei: "I’m the only one / Don’t even waste your time trying to compete."

Sehr sexuell

Eingebettet werden diese Botschaften dann in ein diesmal erstaunlich gewöhnliches Gemisch aus Disco-Pop ("Cuff It", mit Nile Rodgers an der Gitarre) und Schlafzimmersoul ("Plastic Off The Sofa"), während Beyoncé zwischen einer Right-Said-Fred-Paraphrase (!) und dem unumgänglichen "I Feel Love"-Zitat in am Puls der Zeit produzierten Stücken wie "Move" gemeinsam mit Grace Jones und der jungen nigerianischen Musikerin Tems erklärt, was hier immer auch möglich ist oder: wäre.

Dass das Ganze diesmal nicht sehr politisch ausfällt, wurde bereits gesagt. Es ist, zwischen Gastauftritten von "Vogue", Gucci und Chanel, dafür aber sehr sexuell. Als Pferd in dem Sinn darf man sich den Hengst, den Beyoncé in den besonders sleazy angelegten Stücken des Albums expressis verbis besingt, übrigens nicht vorstellen. Oder wie es dazu auch heißt: "You can be my daddy if you want to." Okay.