Das Rap- und Hiphop-Genre ist mit vielen Vorurteilen behaftet. Frauenfeindlichkeit, Toxic Masculinity und das Prahlen mit Luxusgütern sind nur einige der Klischees, mit denen auch Wiener Künstler zu kämpfen haben. Zuletzt kochte das Thema breitenwirksam hoch, als bei der Festwochen-Eröffnung der Auftritt von Yung Hurn wegen Sexismus-Vorwürfen in die Kritik kam. Dass diese Form des Hiphops nicht mehr zeitgemäß sein muss, zeigen das Künstlerkollektiv Pan Kee Bois und Rapper Yugo.

Die "Bois" bestehen aus den sechs jungen Männern Kion, Sluq, Hnnzy, Kobein, Aris und Maro. Als Kollektiv vereinen sie die Arbeit von Produzent, Rapper und Visual Artists. Das heißt, dass sie ihre Musik nicht nur selbst schreiben und aufnehmen, sondern auch jegliche Produktionen, wie etwa Musikvideos und Fotoshootings, eigenständig ohne ein Musiklabel durchgeführt werden. Einst begannen die Freunde auf Soundcloud lässige Beats mit Autotune zu mischen, aber das Projekt wurde schnell ernst. "Wir wollen zeigen, dass es mit einer großen, diversen Gruppe mit unterschiedlichen künstlerischen Schwerpunkten möglich ist, sich einen Namen zu machen", sagt Sluq. Sie wollen einen Gegenpol zum gegenwärtigen Schubladendenken in der Unterhaltungsindustrie darstellen. Das betrifft sowohl die strenge Einordnung in musikalische Genres als auch Annahmen, wie das Image eines typischen Rappers aussehen soll.

Würde man auf diesem Bild nicht auf den ersten Blick für einen Rapper halten: Yugo. - © Stefan Kokovic
Würde man auf diesem Bild nicht auf den ersten Blick für einen Rapper halten: Yugo. - © Stefan Kokovic

Soziales Engagement

Dass das "Projekt", wie sie es selbst nennen, sich vom herkömmlichen Hiphop abhebt, wird bei näherer Betrachtung deutlich - zwar seien sie keine politisch motivierte Gruppe, aber moderne Werte, wie etwa Gleichberechtigung, sind ihnen wichtig. "Es gibt gesellschaftliche und politische Themen, wo wir ganz klar wissen, dass wir sie nicht vertreten mit unserer Kunst", meint Kion. Das zeigen sie auch mit ganz pragmatischem sozialen Engagement: Vor kurzem haben sie die gesamten Einnahmen des Merchandisings ihrer Release-Veranstaltung an das Flüchtlingsprojekt Ute Bock gespendet. "Wir wollen unsere Stimme nutzen, aber auch mehr kulturelle Events, die über die Musik hinausgehen, veranstalten", erklärt Aris. Als politisch-motivierte Gruppe möchten sie sich aber nicht bezeichnen.

Provozieren, nur um Aufmerksamkeit zu bekommen, wollen die Jungs nicht. "Wir wollen dem Gegenüber das Gefühl vermitteln, dass jeder so sein kann, wie er ist", sind sich die Bois einig. Dabei verzichten sie auf klassische Klischees, Homophobie und Rassismus. Zu ihrer Kunstform gehört es außerdem, über Sex rappen zu können, ohne dabei diskriminierend zu sein. Es ist auch schon vorgekommen, dass sie Songs von ihrem Werkkatalog entfernt haben. Denn mitunter bringt die Reflexion die Einsicht, dass Dinge, die man früher in Texten als lustig empfunden hat, heute nicht mehr passend und zeitgemäß sind. Beispielsweise findet man in einem Lied, das mittlerweile auf Spotify nicht mehr verfügbar ist, die Zeile: "Ich nehm‘ dich mit heim und dann fick ich dich gegen die Wand." Dass sie durch das Löschen beliebter Lieder Klicks und Follower verlieren könnten, nehmen sie in Kauf.

Rapper-Kollege Yugo (ehemals Jugo Ürdens) hat eine ähnliche Entwicklung durchgemacht. Auch er hat Lieder von Spotify entfernen lassen. "Da waren einfach Dinge dabei, die retrospektiv überhaupt nicht okay waren. Jetzt ist da viel mehr Bewusstsein dafür in der Szene und das finde ich persönlich sehr schön." Ältere Lieder, die noch auf Streamingplattformen zu finden sind, waren ein anderes Kaliber. Damals stand er noch unter dem musikalischen Einfluss der deutschen Hiphop-Formation K.I.Z., da fielen die Texte weitaus härter aus, wie etwa Passagen aus 2018 zeigen: "Werd’ rumgereicht im Freundeskreis, wie diese Dorfmatratze von Ehefrau, die du dein Eigen nennst." Mit neueren Tracks, zum Beispiel "Sie will" offenbart der Wiener Rapper eine Entwicklung in seinen Lyrics - "Sie zeigt, was sie hat, und ich kann mich nicht wehr’n. Sie kommt mir so nah und ist so weit entfernt. Ich will zu ihr, ich bin nicht gern allein. Sie will nur eins, ich will nur eins." Damit bestätigt er, dass Hiphop keine frauenfeindlichen Statements braucht, um Sex als Thema zu behandeln.

In der Vergangenheit polarisierte der 26-Jährige mit mazedonischen Wurzeln mit Raps über seine Staatsbürgerschaft. Darauf reduziert werden möchte er jedoch nicht. "Ich sehe mich nicht als Pressesprecher für alle Ausländerkinder." Der erfolgreiche Song, der ihn unfreiwillig dazu gemacht hat, ist bereits vier Jahre alt. Deshalb möchte der Rapper künftig seine Ansichten eher zwischen den Zeilen mitteilen und nicht so explizit wie einst mit "Österreicher". Dort betont er noch die Staatsbürgerschaftsthematik in Zeilen wie "Heute ist ein gottverdammter Feiertag, denn ich habe endlich den rot-weiß-roten Reisepass. Deshalb haue ich richtig auf die Kacke, Baby."

Heute wählt er im Rap durchaus unkonventionelle Wege, um sich auszudrücken. Im Musikvideo zu "Pretty MF" spielt er in maskuline Stereotype hinein - der Protagonist wird beim Trainieren "klassisch männlich" gezeigt, bevor ein Szenenwechsel stattfindet und der Tänzer femininere Züge annimmt. "Ich mag das Video sehr, aber hätte mir gewünscht, dass es ein bisschen mehr Impact hat." Ein klarer Bruch mit der oft bekannten "toxic masculinity" im Rap.

Ohne Rolex flexen

Hiphop ist oft mit einem toughen oder coolen Image konnotiert. Macho-Gehabe, Luxusgüter und obszöne Texte sind schwer von diesem Diskurs wegzudenken. "Ich stelle mich oft als Musiker und nicht als Rapper vor, da entgeht man vielen Diskussionen und Vorurteilen", meint Yugo. Auch die Pan Kee Bois finden, dass dieses Image überholt ist: "Es gibt viele Dinge im Hiphop, die man jetzt ändern muss", meint Kobein. "Das Negative, das die Hiphop-Szene mit sich bringt, fällt den Künstlern oft auf den Kopf. Wir machen eine neue Art davon. Rolex flexen und so, das brauchen wir nicht", schließt sich Kion an. Mit Prunk zeigen, was für Leistungen sie erbracht haben, finden die Jungs nicht notwendig. Trotzdem merkt das Kollektiv, dass falsche Wahrnehmung immer noch ein Thema ist: "Ich finde es schade, dass es so viele negative Vorurteile gibt. Aber ich glaube, es ist langsam ein Bewusstsein da, dass Rap auch ernstzunehmende Musik ist", erklärt Sluq.

Dass es bis dato keine kompakte Hiphop-Szene ähnlich wie in Deutschland gibt, empfinden sowohl die Pan Kee Bois als auch Yugo als Nachteil. "Es hat sich aber in den letzten Jahren viel getan und es gibt viele neue Künstlerinnen, die spannend sind", finden die Pan Kee Bois.

Auch Yugo beurteilt die Entwicklungen der "Wiener Szene" ähnlich: "Ich finde es megageil, was sich die letzten Jahre entwickelt hat, dass es auch normal ist als Frau, wie etwa Verifiziert, Hiphop zu machen."