Wenn eine Band als ihr eigener Support-Act auftritt, um sich im Vorprogramm geflunkertermaßen als aus Las Vegas stammende Funk-Blues-Band mit dem Namen Orange Tree Boys vorzustellen, so handelt es sich dabei um drei junge Briten, die die Welt eigentlich als Black Midi kennt. Man darf sich das Trio um Sänger Geordie Greep aber im Allgemeinen als Zusammenschluss vorstellen, der zunächst mit dem Kasperl frühstückt und zum Mittagessen narrische Schwammerl kocht.

Neben aberwitzigen Pressefotos wie zuletzt in Ordinationspanier und aktuell im kessen Muckibudenlook ist es aber vor allem die Musik selbst, mit der sich der Wahnsinn hier Bahn bricht. Wir haben es mit einem kruden Stilmix zu tun, der als Schmäh im Vorbeigehen auch noch auf Akkord- und Notenüberschuss gebaute Genres wie Prog- und Jazzrock wieder als hip durchgehen lässt.

Die mindestens exzentrische Band aus dem Umfeld des angesagten Windmill Club im Londoner Stadtteil Brixton um hippe junge Kollegen wie Black Country, New Road, Goat Girl oder Squid wurde ursprünglich als Quartett und mit ihrem in nur fünf Tagen eingespielten Debütalbum "Schlagenheim" bekannt, das im Jahr 2019 umgehend für den renommierten Mercury Prize nominiert wurde. Die Bandmitglieder waren damals knapp 20.

Nach dem vorübergehenden (?) Ausstieg ihres Gitarristen Matt Kwasniewski-Kelvin aufgrund psychischer Probleme - ein Schicksal, das sich Black Midi mit Black Country, New Road teilen, denen der Sänger noch vor Veröffentlichung des zweiten Albums abhandenkam - und der leichten Zurücknahme ihres improvisatorischen Ansatzes zugunsten eines gewissen Konzepts auf dem Nachfolger "Cavalcade" erst im Vorjahr lässt die Band jetzt auch auf ihrem dritten Streich wieder keinen Stein auf dem anderen.

Immerhin geht es auf "Hellfire" (Rough Trade/Beggars Group) darum, im Stakkato abgefertigten Hochgeschwindigkeits-Mathrock zwischen der Zeitrafferdeklamation Geordie Greeps und der von einer zumindest scheinbaren ADHS-Diagnose ge(kenn)zeichneten Rhythmusgruppe um den hervorragenden Schlagzeuger Morgan Simpson mit Einflüssen aus Flamenco, Country, amerikanischen Showtunes und etwas Cabaret kollidieren zu lassen - und das Ergebnis nach einer Vollbremsung ohne Vorwarnung mit gediegenen Ballroomklängen und gedimmtem Hotelbarjazz zu kontrastieren.

Tschakaboom! Zwei Takte später wird dann ohnehin schon wieder in bester Zappelphilipp-Manier geholzt und gebolzt, dass es eine Art hat. Oder es wird ein musikalischer Exorzismus durchgeführt, bei dem die Band unter Miteinbeziehung von Saxofon, Oboe, Klavier und Akkordeon keine Gefangenen nimmt und noch einen nachlegt. Gegen Ende von "Welcome To Hell" etwa hört man so etwas wie die instrumentale Black-Midi-Variante von rabiatem Urzeit-Thrash-Metal. Musik als Kraftakt - und als Verausgabung.

Ohne Genierer

Wie es der Albumtitel bereits nahelegt, haben Black Midi für "Hellfire" diesmal ein Thema gefunden, das den Wahnsinn auch inhaltlich spiegelt. Immerhin kommt es in diesen Song gewordenen Wimmelbildern nicht nur zu einem Ringkampf mit dem Teufel. Während das Feuer hochzüngelt, ein Affe den "Get ready to ruuumbleee!"-Animateur aus vergangenen TV-Boxnächten auf RTL oder Geordie Greep den Drill Sergeant gibt, hört man auch die Geschichte des wahrscheinlich in Unehren aus der Armee entlassenen Private Tristan Bongo und dessen Abstieg in die Spielsucht.

Auftragsmorde für die Mafia und ein katholischer Zuhälter, der sich (moralisch) auf der sicheren Seite wähnt, kommen ebenfalls vor. Und es fällt der wirklich sehr schöne Satz "A brothel is a business no different than a bank" - ein Bordell ist auch nichts anderes als eine Bank. Diese Band scheißt sich nichts. Und sie schlawinert sich in Form und Inhalt ohne Genierer durch das Album.

Man muss das jetzt leider erwähnen, weil es in diesem Gewerbe noch immer die absolute Ausnahme ist: Mit Marta Salogni aus Brescia in der Lombardei, die bereits bei "Cavalcade" mit an Bord war, hat sich die Band diesmal für eine Alleinproduzentin entschieden, deren Anteil an diesem wilden 39-minütigen Ritt gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Sie ist die Göttin des Höllenfeuers - und sie bringt uns: Feuer!