Massen strömen von der U3-Station Erdberg Richtung Baumgasse 80. Anlass zur Gruppenwanderung gibt das Konzert des Schweizer Sängers und Songwriters Julian Pollina - besser bekannt als Faber. In seinen Songs richtet er sich zynisch-aggressiv gegen die moderne Gesellschaft. Kritisiert wird von Antisemitismus, Holocaust-Leugnung, Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit über Sexismus, Besitzergreifung, Fast Fashion und Social-Media-Sucht bis hin zu fehlender Zivilcourage so ziemlich alles. Auch unglückliche Liebe ist ein prominentes Motiv seiner Texte.

Die Ironie im Text

Mit Textzeilen wie "Wenn ich trage, was der Teufel trägt, wird das dann auch in der Hölle genäht?" trifft er den Nerv der Zeit, wie es scheint. Im Publikum finden sich nicht nur Junge, auch ältere Semester sind darunter. Es ist nicht sein erster Auftritt in Wien, diesmal jedoch ist er gekommen, um zu bleiben. Denn Faber ist nicht nur an diesem Abend auf der Bühne der Arena, sondern ist überhaupt nach Wien übersiedelt. "Es ist mega geil bei euch, mir gefällt’s extrem gut!", ruft er in die Menge, nachdem er seine Wohnsitzverschiebung in die österreichische Landeshauptstadt angekündigt hat.

Endlich geht es los mit Fabers gnadenloser Gesellschaftskritik. Musik setzt ein, langsam lüftet sich der Vorhang, rote Rosen zieren die Bühne. Faber begrüßt sein Publikum mit gesenktem Kopf, sein Sakko ist schwarz. Frenetischer Beifall. Die ersten Töne von "Highlight" erklingen, gefolgt vom 2017 erschienenen Titel "Es könnte schöner sein". Diese Aussage mag vielleicht auf die Beziehung der zwei Protagonisten im Lied zutreffen, allerdings keineswegs auf das Konzert. Die Stimmung ist ausgelassen, spätestens bei "Das Leben sei nur eine Zahl" hat auch der schüchternste Fan begonnen laut mitzugrölen.

Wirken die Songs aufgrund ihrer oft beschwingten Melodie auch wie "Gute-Laune-Musik", ist die dahinterliegende Botschaft doch klar und unmissverständlich: Abgerechnet wird mit einer Gesellschaft, die allzu oft wegsieht, statt etwas zu unternehmen. Mit all jenen, sich über Likes auf Instagram, teure Markenkleidung und Oberflächlichkeiten definieren und sich nicht mehr trauen, authentisch zu sein. Die im Überfluss ertrinken, während Flüchtende im Meer umkommen. Die es sich vorm gemütlichen Kaminfeuer bequem machen, während in der französischen Landeshauptstadt bei einer hitzigen Demonstration Fahrzeuge in Brand gesteckt werden.

Die Ambivalenz, die ein Leben in Europa mit sich bringt, wird im Song "In Paris brennen Autos" besungen. Doch nicht nur hier: Auch in "Das Boot ist voll" greift der Schweizer die tragische Flüchtlingsthematik nochmals auf. Songs, für die Faber aufgrund der provokanten Lyrics zum Teil auch scharfe Kritik einstecken musste. Auch Songs auf Schweizerdeutsch und Italienisch hat der Rosenkavalier im Programm. Schnulzensänger oder doch harter Gesellschaftskritiker? Es geht beides und das Publikum feiert es gleichermaßen.

Es könnte nicht schöner sein

Langsam wird es dunkel in Wien. Das schrille Pfeifen der Lautsprecher durchbricht die Nacht, "Herzlich Willkommen in Wien" ruft ein Fan. Dann schließt sich der Vorhang. Pause - 1. Akt? Nein, nun ist der frischgebackene Wahlwiener allein auf weiter Flur, performt "Sei ein Faber im Wind" (ein Song des gleichnamigen Vorgängeralbums) ohne seine Bandkollegen. Spätestens jetzt ist es stockfinster, doch das Publikum ist noch lange nicht müde und liefert wilde Tanzeinlagen zu den Melodien von "Alles Gute", "Genug" oder "Vivaldi".

Ist es schon aus? Natürlich nicht ohne obligatorische Zugabe: Faber katapultiert sich ins Publikum, nimmt ein Bad in der Menge. Getoppt wird dies von einer fulminanten Aftershow, in dem der Sänger unter anderem "Umbrella" von Rihanna covert. Zum allerletzten Mal nimmt er nun die Gitarre in die Hand und gibt den beliebten Hit "Tausendfrankenlang" zum Besten, der von der ungewöhnlichen Beziehung eines Freiers mit einer Prostituierten handelt.

Nach über 120 Minuten geht ein Konzert voller Gänsehautmomente, das noch lange in den Ohren klingt und in der Kehle brennt, zu Ende. Das aufgrund der leider höchst-aktuellen Texte auch tief in der Seele schmerzt und den Finger in die Wunde legt. Denn die Problematiken, mit denen wir bereits 2017 und 2019 konfrontiert waren, haben sich noch immer nicht in Luft aufgelöst.