Liebe ist seltsam und treibt Menschen zu merkwürdigen Dingen. Mache beginnen fremde Sprachen zu lernen, andere gehen in die Tanzschule. Der deutsche Autor und Musiker Eric Pfeil schrieb ein Buch. "Azzurro" nennt sich dieses und handelt von der Romanze des Schriftstellers mit Bella Italia, genauer gesagt mit der Musik der Apenninen-Halbinsel. 100 Songs hat Pfeil ausgewählt, die als Wegmarkierungen für seine Hommage dienen.

Musik hat zugegebenermaßen völkerverbindende Eigenschaften. Italien hat über Jahrhunderte die Menschen in Europa und Übersee mit feinsten Klängen umsponnen, von "La donna è mobile" über "O sole mio" bis zu "Ti amo" reicht der Klangreigen. Ab wann man tatsächlich von der ersten italienischen canzone sprechen kann, ist freilich Definitionssache.

Meist wird davon ausgegangen, dass dies in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Fall war, wie der italienische Kritiker Gianni Borgna in seinem Standardwerk "La storia della canzone italiana" ausführt. Die meisten Mitteleuropäer haben sich spätestens ab den 50er Jahren mit der italienischen Musik angefreundet, als die Menschen im Sommer auf den Spuren Goethes gen Süden pilgerten und nicht nur Pizza, Pasta und Vino entdeckten und in ihre Heimatländer zurückbrachten.

Zunächst (und auch später immer wieder) traute man der Sprache nicht und verdeutsche die Songs, etwa Peter Alexander, der aus Nilla Pizzis "Papaveri e papere" seinen ersten großen Erfolg, "Die süßesten Früchte", machte. Der große Durch- und gleichzeitig Umbruch kam mit Domenico Modugno. Der Mann aus Polignano a Mare in Apulien riss die noch dem Belcanto verpflichtete musica leggera, wie man in Italien die Pop-Musik nennt, aus ihrem Dornröschenschlaf. Mit den Songs "Nel blu dipinto di blu" und "Piove" (besser bekannt unter den Namen "Volare" und "Ciao, ciao bambina") hatte er gleich zwei Welterfolge. Pfeil widmet Modugno auch zwei Songs, unterlässt es aber nicht, auch dessen Rivalen Claudio Villa mit einem Song, quasi als Gegenstück, zu präsentieren.

Auch andere Lieder und Künstler der Sechziger und Siebziger lässt Pfeil mit viel Liebe zum Detail Revue passieren, von den großartigen Sängerinnen Mina und Ornella Vanoni bis hin zu den männlichen Konterparts Gino Paoli und Adriano Celentano. Seine "Italianisierung" erfuhr Pfeil selbst vor allem in den 80ern, und da zaubert er auch Songs hervor, die man gerne vergessen würde.

So sind "Made in Italy" (Ricchi e Poveri) sowie "Felicità" (Al Bano und Romina Power) genauso präsent wie "Sola" (Viola Valentino) oder "I Like Chopin" (Gazebo). Auch grelle musikalische Eintagsfliegen (zumindest was ihren Erfolg anbelangt) wie Ivan Cattaneo oder Alberto Camerini präsentiert der deutsche Autor; immerhin runden diese das Spektrum des Italo-Pop ein wenig ab.

Hie und da sind bei den vielen Übersetzungen, die dem Leser die Songs näherbringen, allzu wörtliche Varianten dabei, die italienischkundigen Lesern auffallen, aber die Lesefreude nicht allzu sehr trüben. So wird etwa die Band Elio e le Storie Tese mit "Elio und die Angespannten Geschichten" übersetzt (im Übrigen auch in der deutschen Wikipedia-Ausgabe), obwohl "storie tese" Probleme oder Schwierigkeiten sind. Und der "dottore", im Claudia Mori-Hit "Buonasera, dottore", ist zwar ein Doktor, aber kein Arzt. Wie könnte denn auch der Liebhaber seine Frau am späten Abend mit der Ausrede verlassen, er müsse noch dem Arzt Papiere vorbeibringen?

Dass trotz der 100 Songs, die Pfeil für seine Reise durch die wunderbare Welt des Italo-Pop anbietet, einzelne Künstler außen vor bleiben, liegt auf der Hand. Der Autor hat härtere Richtungen, sowohl musikalischer als auch ideologischer Art, nicht auf seinem Reiseprogramm. So findet man etwa keine Einträge zum linken cantautore Pierangelo Bertoli, zum 68er-Songschmied, Regie-Assistent (bei Visconti und Fellini) und späteren Regisseur (für Berlusconis Mediaset) Paolo Pietrangeli oder zu den Rockbands Litfiba und Area.

Tatsächlich überraschend ist aber das Fehlen von Angelo Branduardi, Riccardo Cocciante oder Italiens wohl beliebtester Pop-Band Pooh. Jedenfalls werden viele Italien-Fans auf der Reise zwischen "Aida" und "Voce" nicht nur Altbekanntes entdecken.